Gisbert Kranz an Mutter Weise, 30. Dezember 1943

Im Felde, den 30.XII.43.                                (Entwurf)

Hochverehrte, gnädige Frau! Sehr geehrter Herr Weise!

Mit großem Schmerz empfing ich die Nachricht vom Hinscheiden Ihres lieben Herbert. Sie kam mir sehr überraschend. Als ich Herbert vor drei Jahren zuletzt sah, ahnte ich nicht, daß dies ein Abschied für immer sein sollte. Er war damals noch voller Pläne und strebte tatenhungrig in die Zukunft. - Im ersten Jahre meiner militärischen Dienstzeit standen wir in regem Briefwechsel, und ich hatte oft Gelegenheit, Proben seines lebhaften Geistes, von dem ich manches mal Anregung empfing, zu bewundern. Später, als Herbert einberufen wurde und ich an die Ostfront kam, wurde der Briefwechsel spärlicher und schlummerte schließlich ganz ein. - Vor einigen Monaten nun brachte Herr Dr. Gaillard in einem seiner Rundschreiben an die Ehemaligen Abiturienten einige Sätze aus einem Briefe Herberts; dadurch erfuhr ich von seiner Krankheit, ohne aber deren Schwere zu ahnen. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich die heroische Haltung, die aus diesen Zeilen sprach, in Ehrfurcht bewunderte. - Es war ihm nicht vergönnt, an den Fronten des Krieges zu kämpfen, doch weiß ich, mit welcher Leidenschaft und Einsatzfreudigkeit er an der Front des Geistes rang. In langen Gesprächen und später in seinen Briefen bemerkte ich immer wieder die Unruhe seines kämpferischen Geistes, die Unbedingtheit, mit der er nach den Urgründen des Seins forschte, aber auch sein ästhetisches Feingefühl und die Unerbittlichkeit seiner Kritik an Moden und Auswüchsen moderner Kunst. Gerade diese Unruhe und Empfindlichkeit - die ich an ihm schätzte als wertvoller Kern seiner Persönlichkeit - diese Eigenart seines Geistes war es, was ihn so einsam werden ließ. Herbert war uns Altersgenossen, die ihn meist nicht verstanden, in der Vielfalt seiner geistigen Anlagen weit überlegen. Sie wissen - und ich sprach seinerzeit mit Ihnen darüber,

wie schmerzlich ich selbst dies empfand - daß Herbert unter dieser Einsamkeit sehr gelitten hat. Ich bin aber überzeugt, daß er gerade aus dieser Absonderung seine wertvollsten schöpferischen Kräfte zog. Daß er sie nicht mehr voll entfalten konnte, erfüllt mich mit Traurigkeit. - Ich sage Ihnen dies alles, damit Sie verstehen, wie sehr ich Herbert schätzte. Ich vermag deshalb den unsagbaren Schmerz zu ermessen, der Sie über dem frühen Hinscheiden Ihres Einzigen ergriffen hat, und ich versichere Sie, daß ich diesen Ihren Schmerz teile. Doch bin ich überzeugt, daß auch sein kurzes aber so reiches Leben einen Sinn hatte, und daß er ehrenvoll fortlebt im Gedächtnis aller, die die Ehre hatten, ihn zu kennen. Ich glaube, daß der Schmerz auch für Herbert der „Befreier des Geistes” war, wie Nietzsche sagt, und daß seine unruhige Seele durch Leiden geläutert die Ruhe fand und in Frieden und Klarheit schied. - Wenn ich Ihnen einen Trost geben darf, dann möchte ich Sie bitten mit mir die Gewißheit zu teilen, daß Herbert unsterblich fortlebt in der ewigen Ruhe Gottes. Und sich bei aller Traurigkeit zu freuen, daß er der Ihre war, ja - wenn ich es so sagen darf - der Unsrige.

Bitte, seien Sie versichert der aufrichtigen u. tiefen Teilnahme
Ihres
sehr ergebenen GK.