Josef Breuer an Gisbert Kranz, 20. Februar 1944
Godenau, 20.2.44
Lieber Gisbert!
Dein Brief vom 6.II. erreichte mich ganz richtig daheim, ich war nämlich gerade auf Urlaub. Ich war nicht wenig erschrokken, als ich an Deinem Brief den bekannten Klebestreifen: geöffnet, geöffnet sah und dann im Text sämtliche Ortsnamen mit schwarzer Tusche ausgestrichen fand. Hast Du dafür eins auf den Hut bekommen? Hoffentlich hast Du auch meinen Brief aus Godenau bekommen inzwischen - ach, Quatsch, den habe ich ja noch im Dezember weggeschickt, er wird also bei irgendeinem Deiner zahlreichen verflossenen Haufen hängengeblieben und verschwunden sein. Daher zunächst in kurzen Sätzen, wie es mir ging: Nach einem letzten schweren Angriff wurde ich von Berlin zur Heeresmunitionsanstalt Godenau versetzt. Ich dachte, mich rührt der Schlag, als ich das hörte. Also Abnahme ade! und hinein ins Bergwerk. Jetzt fertige ich als Arbeitsstellenleiter einige Hunderte von Metern unter der Erde Munition. Anfangs hatte ich es schwer, meinen Haufen Leute zu kommandieren, alles Zivilisten, meistens alte Leute oder nicht Wehrmachtfähige. Doch auch das habe ich inzwischen gelernt, wenn ich auch nicht gerade vor Begeisterung glühe. Ich bin für alles verantwortlich, jeder Schuß Munition trägt mein Kennzeichen; doch das ist das wenigste, ich sorge für Löhnung, Fettmarken, Urlaub, Werkzeug, Material usw. usw. und bin Empfänger sämtlicher Ansch...... Du siehst, meine Feder sträubte sich, das Wort auszuschreiben, also lassen wir's! Beim erstenmal war das unterirdische Gängesystem zwar eine märchenhafte Angelegenheit; es handelt sich um ein still-
gelegtes Kalibergwerk, das Salz schimmert in sämtlichen Farben, die völlig freitragenden Gänge zeigen phantastisch-romantische Formen; ich glaubte, jeden Augenblick den Zwergen zu begegnen oder den Drachen aus irgendeinem der unabsehbar tiefen, schwarzen Löcher hervorkrauchen zu sehen - aber, wie gesagt, nur beim erstenmal. Jetzt trottet man stumpfsinnig seinen Weg vom Förderschacht zu meinem Arbeitsplatz, einem Riesensaal, wie für Recken geschaffen. Jetzt machen sich die Nachteile des Bergmannslebens bemerkbar: ich habe dauernd Kopfschmerzen, kann nachts nicht schlafen und fühle mich entsprechend. Es ist so furchtbar, so viel herrliche Freizeit zu haben und trotzdem nichts arbeiten zu können, es geht einfach nicht. Jetzt kann ich wenigstens noch etwas spazieren gehen, seitdem es länger hell bleibt. Die Umgegend ist allerdings herrlich: im Weserbergland, im Leinetal, in der Nähe von Hildesheim, Gandersheim (wenigstens Du literarisch Gebildeter wirst den Namen kennen, während ich bei meinem Besuch in Bonn nur unwissendes Kopfschütteln damit erntete!) Im Sommer wird es herrlich hier sein. Aber es fehlt mir die Stadt (Hildesheim gehört leider schon nicht mehr zum Standartbereich); ich bin, wie ich merke, ein rechtes Stadtkind geworden und fühle mich auf dem Lande nicht mehr heimisch. Das Schlimmste ist aber, daß ich hier unter meinen Feuerwerker-Kameraden keinen Kameraden finde. Die haben's abends immer ziemlich eilig, zu ihrem Bratkartoffelverhältnis zu kommen. Auch sonst gibt es hier kameradschaftlich böse Erscheinungen. Nicht einmal eine verbesserte Verpflegung kann ich
als Plus anführen. So geht's also mir.
Wie ich schon erwähnte, komme ich eben aus dem Urlaub zurück. Ich habe dabei meinen Bruder für ein paar Tage in Würzburg besucht (im Lazarett) und dabei ein sehr schönes Konzert und den „Barbier von Sevilla” mitbekommen, abgesehen von den zahlreichen Kunstschätzen der reichen, heiteren Stadt, die sich unter dem Krummstab offensichtlich sehr wohl befunden hat. Meinen Bruder hatte man gerade das siebte Mal auf die Schlachtbank gelegt. Man hofft, ihn nun einigermaßen zurechtgeflickt zu haben. Auch sonst bin ich im Urlaub viel gereist, ja ich war sogar d. u. - dauernd unterwegs. Wie ich zum Urlaubsende gemeinsam mit meinen Eltern feststellte, hatte ich mir damit den ganzen Urlaub eigentlich verdorben; den Rest besorgten die täglichen und nächtlichen Fliegeralarme. Übrigens konnte ich eben hier zweihundert mit bloßem Auge abgezählte amerikanische Bomber ihren Weg nach Mitteldeutschland ziehen sehen, am hellichten Mittag bei fabelhaft blauem Wetter, nur von sechs deutschen Jägern belästigt. Schade, daß sie nicht hierüber zurückgeflogen sind, ich hätte gerne gesehen, was davon übrig geblieben ist.
Jupp Fenger kämpft allerdings im Osten bei der „F”, wie er mir schrieb.
Also das hat ja gerade noch gefehlt, die Streichung als R.O.B. Mensch, es ist aber auch zum Haare raufen, zum Kinderkriegen usw. Trotzdem könntest Du wenigstens andeuten, was Du verbrochen hast. Viel Glück in Italien, nein, ich
muß schon sagen: mehr Glück!
Ich freue mich, daß Du in Dr. J. Maaßen einen so namhaften Förderer gefunden hast. Aber magst Du die Arbeit nicht zur Promotion aufsparen? Nicht, daß es Dir später leid tut, ein paar Semester anhängen zu müssen, um eine Dissertation zu schreiben! Ich finde es nett, daß Du an diesen doch gewiß gewaltigen Vorwurf eines Jünglingsschicksals herangehst, ohne lange zu zweifeln und zu zögern, ob auch Deine Kräfte reichen. Ich werde Dich immer um diese Unbefangenheit, die man doch wirklich braucht, um etwas zu schaffen, beneiden. Die Brief- und Tagebuchform halte ich auf jeden Fall hier und für Dich am ehesten angebracht. Über Dein Gedicht müßte man schon sprechen. Du weißt doch selbst, daß neben vielen glücklichen und sogar schönen Versen auch abfallende, den Eindruck zerstörende dabei sind? Ein andermal hatte ich das Gefühl, als ob Du eines glänzenden Einfalls oder klingenden Verses wegen den Gedanken umbiegst. Versuch auch einmal, Gedanken in die knappste Form zu gießen, denselben Gedanken auf die verschiedenste Art auszudrücken!
Ich wünsche Dir einen baldigen und recht schönen und fruchtbaren Urlaub und - mehr Soldatenglück.
Mit freundschaftlich-herzlichem Gruß
Dein Jupp.