Leni Bußmann an Gisbert Kranz, 22. März 1944
Bolkenburg, d. 22.3.44
Lieber Herr Kranz!
Sie sollten eigentlich längst schon wieder was von mir gehört haben. Wenn nicht immer so viel dienstliches zu tun wäre! Nächste Woche ist Semesterschluß, da müssen für 75 Kinder Zeugnisse geschrieben werden. Und die 8 zur Entlassung kommenden Schüler und Schülerinnen müssen besonders vorbereitet werden. Nochmal sinke ich erst um 12 Uhr todmüde ins Bett. Aber viel Freude, recht viel, machts doch!
In der vergangenen Woche waren der Herr Regierungsrat
und der Herr Schulrat mal zur Visitation und Hospitation bei mir. Die Sache hat mich weiter nicht erschüttert, bis daß der Herr Schulrat anfing, einen regelrechten Religionsunterricht, oder besser Anti-Religionsunterricht, zu erteilen, ausgehend von dem Wort „Liebet eure Feinde!” Gott sei Dank ist dieses, wie vieles andere, bei den Kindern nicht auf fruchtbaren Boden gefallen, weil ich sie in meinem Sinne erzogen habe! Solche Stückchen erlebt man hier natürlich öfter. -
Augenblicklich geschieht hier wieder furchtbares. Tausende
von Polen müssen in wenigen Minuten ihr Hab und Gut verlassen, um den geflüchteten Schwarzmeerdeutschen Platz zu machen. Die Polen werden sofort in Waggons verladen und nach Frankreich transportiert. Ich finde es furchtbar grausam. Ich sprach mal mit dem Oberleutnant, der die Aussiedlung leitet. Er ist ganz krank, immerfort klingt ihm das Wehgeschrei der Frauen und Kinder in den Ohren. Aber als Gendarmerie-Beamter muß er ja rücksichtslos gegen sich und andere auch hierin seine Pflicht tun.
Ja, es ist wirklich nicht ermutigend, wenn man so etwas tagtäglich sieht!
Nächste Woche Donnerstag geht es aber fort zu meinem Ferdi. Wir sind beide schon ganz ungeduldig (verständlich, nicht?). Nur bitte ich den jungen Herrn Frühling, etwas kräftiger in Erscheinung zu treten. (Wo ich auch noch meinen Kindern einen Ausflug versprochen habe!)
Nun recht liebe Grüße und, falls Sie in Urlaub fahren sollten, viel Freude u. liebe Grüße an Ihre verehrten Eltern,
Ihre
Leni Bußmann