Josef Breuer an Gisbert Kranz, 24. März 1944
Godenau, den 24.3.44.
Lieber Gisbert!
In welch gedrückter Gemütsstimmung Du Dich augenblicklich rebus sic stantibus bei Deinem Haufen befindest, kann ich umso eher nachfühlen, als es mir nicht viel besser ergeht. Mir fehlt allzusehr jegliches Temperament, um mich in der Quetsche zwischen den Bestimmungen und Forderungen meiner Vorgesetzten und Kameraden einerseits und den Bestrebungen meiner Arbeit anderseits rücksichtslos durchzusetzen. Zeitweise klappt es einigermaßen befriedigend, wenn ich nämlich „gehobener” Stimmung und damit selbstsicher bin; dafür geht alles schief, wenn mich
meine blöde Unsicherheit zum Verkehr mit Menschen ziemlich untauglich macht. Dann hilft alles Bemühen nichts, trotzdem ich weiß, woran das liegt; ich kann mich nur durchfressen. Ich möchte mich selbst verachten, daß ich gegen Stimmungen so anfällig bin - ich kann's nicht ändern.
Um nicht so durch die Wochen dahinzuduseln, habe ich mich bei meinem „zuständigen” Pfarrer vorgestellt und bin sehr freundlich aufgenommen worden. Ferner habe ich die Bekanntschaft des ehemaligen Direktors unseres Bergwerks gemacht, eines alten Herrn von weit über siebzig, und bin auch von ihm herzlich zu öfterem Besuch eingeladen. Aber das spinnt sich alles erst noch an; zunächst bin ich einmal für die laufende Woche als „Feuerwerker
vom Dienst” festgenagelt. Nicht einmal das Lesen macht mir so viel Spaß wie früher; ich gerate zu oft ins Dösen oder Spinnen; was ich übrigens auch erst hier gelernt habe. Ich hoffe, es ist nur die Frühjahrsmüdigkeit. Spaß macht es mir, wenn ich gut aufgelegt bin, ein Kapitel aus Baurs „Metaphysik” zu studieren; vor zwei Jahren bin ich nämlich noch nicht dahintergestiegen; daher genieße ich jetzt reine Entdeckerfreuden damit. Allein die saubere, klare Luft des angestrengten Denkens ist erquickend. Und Baur bringt es fertig, mich für die Metaphysik zu begeistern.
Weißt Du, wenn man unnützen, ziellosen Gedanken nachhängt, dann ist es doch, glaube ich, besser, wenn man den Impulsen der
städtischen kulturellen Darbietungen ausgesetzt ist. Die beschauliche Ruhe des Dorfes sucht man, um drängende Gedanken und Ideen zu entwickeln, gegeneinander abzugrenzen, die sich jagenden Eindrücke zu ordnen, auszurichten auf einen Gesichtspunkt hin. - Aber ich bin leer.
Die bolschewistische Gefahr, die die Kultur des Abendlandes zu vernichten droht, hat aller Blicke auf sich gebannt. Ist ein Untergang des Abendlandes möglich? Jetzt schon? Sollen wir die machtlosen Zuschauer dieses wahrhaft weltgeschichtlichen Vorgangs sein. Ist das Abendland schon so angefault wie die Antike bei der Völkerwanderung?
Unsere Zuversicht ist, daß es einen Weltenlenker gibt; die Geschichte ist seine Verherrlichung. Das macht uns stark.
Herzl. Gruß Dein Jupp.
Joseph Wilpert ist tot!