Johannes Kiel an Gisbert Kranz, 11. Mai 1944

Bonn, 11. Mai 1944

Sehr geehrte Frau Kranz,

Ihren Brief habe ich erhalten, der mir so traurigstimmende Kunde von Ihrem Sohne Gisbert brachte. Was hat der arme Mensch schweres durchgemacht! Wir hart muß das für ihn sein, daß er dort unter Kameraden ist, mit denen er sich garnicht versteht u. er, wie es scheint, auch keine Seele um sich herum hat, mit denen er innerlich harmoniert.

Gisbert hat mir lange Zeit nicht mehr geschrieben; es ist wohl sicher ein Jahr her; Aber ich werde ihm jetzt schreiben, da ich wohl annehmen kann, daß seine Heeres-Nr noch dieselbe ist, wie vor Jahresfrist. Aber selbst wenn er auf den Gedanken kommen könnte, daß Sie mir geschrieben hätten, so wäre das letzthin wohl nicht schlimm. Selbstverständlich werde ich von Ihrem Brief auch nicht im entferntesten Erwähnung tun. Was seinen Theologen-Beruf angeht, so möchte ich Sie bitten, nach der Richtung hin auf ihn keinen Druck auszuüben; im Gegenteil: Überlassen Sie ihn da ganz sich selbst. Er muß das mit sich allein ausmachen, - u. jeder Druck oder die Auffassung eines Wunsches von Ihrer Seite könnte ihn veranlassen, sich noch mehr in sich selbst zurückzuziehen. Ich glaube auch, bestimmt sagen zu können, daß er den rechten Weg im Leben schon finden wird. Daß diese jungen Menschen in der Kriegszeit in

Sachen Ihrer Berufswahl einen sehr schweren Stand haben u. sehr viele unter ihnen eine harte Krisis durchleben, davon dürfen Sie überzeugt sein. Gisbert wäre nicht der einzige oder der erste von den Theologen, der unter dem Drucke der Kriegsmentalität und der Soldatenumgebung einen anderen Weg einschlägt.

An das Gedicht „Die Einsamkeit”, mit seinem schmerzlichen Pessimismus werde ich - inhaltlich anknüpfend - oder besser gesagt: werde es nur so anklingen lassen, daß er selbst nichts ahnen wird. Ich möchte obigen Satz dahin umändern, daß ich den Inhalt seines Gedichtes für mich zur [..] nehme u. in allg. an den Pessimismus anknüpfe, der heute das Herz manches Soldaten bedrängt.

Er wäre bei Ihrem Sohne nicht das 1. Mal, daß ich einem mutlos gewordenen Soldaten wieder Mut machen muß. Wahrscheinlich werde ich Ihrem Sohne Samstag schreiben, da ich heute u. zumal morgen ziemlich in Anspruch genommen bin. Wenn ich es kann u. darf, werde ich Ihnen von der Antwort Bericht erstatten. Sollten Sie demnächst nach Bonn kommen, bitte ich Sie, bei mir vorsprechen zu wollen.

Mit frd. Gruß
ergebenst
Msgr. Kiel