Johannes Kiel an Gisbert Kranz, 25. Mai 1944
Bonn, 25. Mai 1944
Lieber Herr Kranz,
heute Nachmittag kam Ihr lieber Gruß an und noch heute will ich antworten. Soll ich Ihnen sagen, was mich aus dem Inhalt Ihres Schreibens am meisten in Staunen gesetzt hat? Daß Sie mit einer wertvollen Arbeit unter die Philosophen u. Schriftsteller gegangen sind. Von dieser Seite kannte ich Sie noch garnicht. Mag sein, daß Sie mir gelegentlich von den gleichen Neigungen gesprochen haben; aber daß Sie schon eine solche Arbeit fertig haben und einen Herder als Verleger gefunden haben, das hätte ich nicht geahnt. Aber dazu möchte ich Ihnen von Herzen Glück wünschen; es offenbart sich damit in Ihnen eine Neigung u. eine Fähigkeit, die Sie nicht brachliegen lassen dürfen. - Die Frage ist nur, ob Sie auf Schriftstellerei einen Lebensberuf aufbauen können. Gewiß, wenn Sie später mit Ihren Arbeiten einen sehr großen Erfolg erzielen, dann ergibt sich die Sache von selbst; ich meine, Sie sollten sich der Philologie zuwenden, mit Deutsch u. Philosophie als Hauptfächern u. dann ruhig u. getrost dem Leben entgegengondeln, indem Sie an Ihrer Liebhaberei - dem Schriftstellern - festhalten. Damit stehe ich in der Erörterung über
Ihre Berufsfrage schon mitten drin. Aus Ihren Zeilen lese ich heraus, daß Sie innerlich mit dem theol. Berufe fast - oder sogar ganz schon gebrochen haben. Wenn Sie sich zum Priestertum nicht ganz berufen fühlen, dann ist es besser, daß Sie sich zeitig einem anderen Berufe zuwenden u. die Freude an der neuen Lebensaufgabe stetig fördern. Deshalb habe ich Ihnen auch die obigen Zeilen geschrieben. Sorgen Sie, daß Sie bald innerlich zur Ruhe kommen u. - bleiben Sie - auch im anderen Lager ein recht innerlicher Christ.
Mit Bedauern las ich von dem Mißgeschick, das Sie als Soldat betroffen hat; nicht nur die harte Strafe, sondern auch den Ausschluß aus dem Of.K. werden Sie sehr schmerzlich empfunden haben. Doch - wer weiß, wozu es gut war. Ob Sie nun gut dran getan haben, sich an die Italienfront zu melden, kann ich von hier aus nicht [..] beurteilen. Im allg. liebe ich solche Entschlüsse, die ab irato geschehen, nicht. Seien Sie von mir besonders in dieser Angelegenheit recht Gott befohlen! Und nun leben Sie wohl: Gott der Herr möge Sie beschützen u. den rechten Weg führen; lassen Sie mich bald wieder von Ihnen hören.
Mit frd. Gruße - zumal einem kräftigen Pfingstgruß
stets Ihr Kiel