Johannes Kiel an Mutter Kranz, 26. Mai 1944

Bonn, 26.5.44

Sehr geehrte Frau Kranz,

gestern erhielt von Ihrem Sohne Gisbert bereits eine Antwort auf meinen Brief, worin er mir mitteilte, was ich bereits aus Ihrem Schreiben erfahren hatte, - sein doppeltes Unglück beim Militair, seine gegenwärtige militairische Tätigkeit und auch seine schriftstellerische Arbeit über Dostojewski u. die Annahme der Arbeit durch Herder. An letzteres habe ich in meinem gestrigen Antwortschreiben angeknüpft, ihm herzlich gratuliert zu diesem Erfolge u. ihn kräftig ermuntert, auf diesem Gebiete u. in dieser Richtung weiterzuarbeiten, wo er zweifellos Fähigkeit offenbare u. Neigung habe. Über seine Berufsangelegenheit schreibt er mir folg.: „In meiner Berufswahl sehe

ich noch immer nicht klar. Zum Priestertum fühle ich mich immer weniger berufen. Ich erwäge, ob ich einst Lehrer werden soll. Doch spüre ich ebenso Lust u. Kraft zum [..] Schriftsteller u. zum Künstler.” Ich habe ihm daraufhin geraten, sich der Philologie zuzuwenden mit Deutsch u. Philosophie als Hauptfächer u. damit eine sichere Grundlage für sein Leben zu haben, auf der er dann seinen philos.-wissenschaftlichen Neigungen weiter nachgehen kann. Ich schreibe Ihnen diese meine Antwort zu Ihrer Information. Zur Theologie habe ich nicht gedrängt. Ich halte es für dringend notwendig, daß er in dieser Beziehung innerlich zur Ruhe kommt. Ob es mit seinem Gesuch einer Versetzung nach Italien etwas gibt, steht noch aus. Wie Gott will! Der Brief Ihres Sohnes atmete im ganzen Ruhe und Zuversicht in seine Zukunft. Ich teile Ihnen dies auch zu Ihrer Beruhigung mit.

Frd. Gruß u. gnadenreiche Pfingsten
Ihr ergebener J. Kiel