Ferdinand Frölich an Gisbert Kranz, 28. Juni 1944
Leutnant Ferdinand Frölich am 28.6.44
Lieber Gisbert!
Ich hatte Deine neue Adresse verlegt und heute endlich wiedergefunden. So kann ich jetzt nachholen, was ich Dir zu schreiben hatte.
Entsinnst Du Dich, mein Freund, dass ich Dir aus Godesberg vor etwa 14 Tagen schrieb: Ich bin tieftraurig, und warum, dass werde ich Dir noch schreiben? So ähnlich schrieb ich doch? Nun, ich will es Dir jetzt mitteilen, obwohl sich der Sturm inzwischen gelegt hat. Ausser Leni wirst Du der einzigste sein, der mich verstehen wird.
Als ich im Lazarett lag, war Leni ja mal 14 Tage bei mir. Wir haben so schöne, sonnige Tage damals verlebt, und wir haben beide, so glaube ich, manches noch aneinander entdeckt, was wir vorher noch nicht kannten.
Das war nun auch alles gut und die ganze Welt schien damit zufrieden. Bis eines Tages eine meiner Tanten in meinem Beisein zu meiner Mutter sagte, sie verstünde es nicht, dass sie es dulde, dass Leni mich dort unten besuchte. Mutti sah erst überrascht drein, aber ein böser, hässlicher Keim war gelegt. Noch einige Tage war alles gut, aber dann versuchte man, uns nicht mehr allein zu lassen.
Wie weh mir dieses Misstrauen tat, Gisbert, wo ich nur immer das Reinste und Heiligste dachte, das wirst Du gewiss verstehen, gerade wo es meine Mutter ist. Sie hat bestimmt nur immer gut gedacht und uns nie Schlechtes zugetraut, um das Kind beim Namen zu nennen, aber durch dieses unbedachte Wort einer Tante, die von dem allen keine Ahnung hat, da sie nie verliebt war, ist alles auf eine gewisse Spannung getrieben. Vielleicht empfinde ich da auch zu stark, es kann sein. Auf jeden Fall hat man Leni vor kurzem ein grosses Theater gemacht, nachträglich, obwohl alle vorher wussten, dass sie zu mir nach Ravensburg kommen wollte. Jetzt, nach zwei Monaten, platzte der Kessel, und nur, weil meine ehrwürdige Tante glaubte, meine Eltern auf die Gefahren der Jugend aufmerksam machen zu müssen. Oh, Gisbert, ich hätte sie erwürgen können, wenn man auch nur die Möglichkeit erwog. Nun urteile Du, Gisbert, muss man immer schlecht sein, kann es nicht auch eine reine Liebe geben? Oder muss es so sein, wie meine Tante wörtlich sagte, dass man sich vor der Ehe vielleicht zwei oder drei Tage im Jahr sehen darf und im übrigen nur im Briefverkehr stehen soll? Ist das nicht lächerlich? Es bieten sich im Leben so viel Möglichkeiten, besonders hier, zu fallen, aber muss das ausgerechnet zwischen Verlobten sein? Und wozu sind wir verlobt, dass wir uns zwei Tage im Jahr sehen, oder vielleicht auch drei? Ach, Gisbert, ich finde das inzwischen so lächerlich, dass ich frei gesagt habe: Macht was Ihr wollt, ich gehe darin meinen
eigenen Weg.
Zum Glück kam am letzten Tag meine Mutter auch noch nach Godesberg und es ist jetzt, glaube ich, alles in Ordnung. Sie sagt, dass sie es so stark nicht gemeint hatte. Na, mir fiel ein Stein vom Herzen. Aber eins habe ich mir zur Lehre genommen und da gebrauche ich zum ersten Mal ein Landsersprichwort: „Scheiss auf Onkel, scheiss auf Tante, scheiss auf alle Anverwandte!”
Und nun was anderes.
In einer der letzten Unterhaltungen mit dem Dechant, Gisbert, tauchte auch der Vers auf: „Dem Tod entrinnt, wer ihn verachtet, nur den Verzagten holt er ein!” - Und keiner wusste, wo er herstammt. Weisst Du es, Gisbert? Ich glaube, er ist von Schiller. Ich habe schon mal hier herumgehorcht, weil mich das nun interessiert, jedes
Zu meiner Freude erfuhr ich, dass der 6. Dezember, der Tag, an dem ich verwundet wurde, nun doch ein Erfolg für unsere Schwadron war. Das hatte ich an dem Abend garnicht erkannt: 60 Tote hatte der Russe gelassen, weit mehr als das Doppelte sind getürmt, eine Reihe Gefangene wurden noch gemacht, die meine braven Jungs aber aus Strafe alle umlegten. Vom General, sogar vom Kommandierenden, ein Anerkennungsschreiben. Toll, nicht! Hätte ich das gewusst, wäre mit meiner Krankheit manches besser gewesen!
Nun liebe Grüsse, Gisbert.
Hoffentlich können wir bald wieder oft zusammen sein!
Dein Freund Ferdi