Josef Breuer an Gisbert Kranz, 17. Juli 1944

Godenau, den 17.7.1944

Mein lieber Gisbert!

Beinahe wäre für heute doch wieder nichts mit einem Brief an Dich geworden; denn ich hatte gerade Federhalter, Tinte und Papier zurechtgemacht, „hingerichtet” (gefällt Dir das Wort in diesem ursprünglichen Sinne nicht sehr?), ich wollte mich von der realen Umgebung distanzieren und Dich vor meinem geistigen Auge neu erschaffen, da glitt mein Blick durchs Fenster auf ein wunderbares Spiel zwischen Licht und Schatten, ausgeführt von der letzten sinkenden Sonne und den dicht aufeinanderfolgenden Wolkenrossen. Die warm aufglühenden Lichter spiegelten in meinem Herzen, ein wonniges Sehnen nach einem ungekannten Glück zieht wie die Wolken durch meine Seele - schade, eine Viertelstunde nur, und die dunkleren Schatten der einfallenden Dämmerung bedrücken mich wie Drohungen. Ich reiße mich los und schicke meine Gedanken zu Dir, zur Invasionsküste, und dies nüchtern-harte Wort stößt mich ins „Leben” zurück, in dem Sinne, wie wir den Ausdruck gebrauchen bei Schulentlassung und Aufnahme eines Berufes von der Art des Zusammenlebens der Menschen mit all' den vielen Kleinheiten und Gemeinheiten und dem so selten aus hoher Gesinnung entspringenden Handeln.

Wie mag es Dir jetzt ergehen, nachdem die Invasion auf beiden Seiten wie ein mörderischer Strudel immer mehr

Truppenteile in ihren Bereich zwingt? Sicher hat Deine Kanone schon feindliche Panzer angebellt. Vielleicht findet sich gar die Gelegenheit zum Ritterkreuz, die sich Deiner Waffe leichter bietet? Aha, da ist ja schon unser Thema: Der Dichter und das Soldatische. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr finde ich die Überzeugung, daß sich beides nicht vereint, sondern sich umso mehr gegenseitig ausschließt, je reiner und überspitzter man das eine oder das andere ist; daß also ein Dichter kein Ritterkreuzträger sein kann. Das Wesen des Dichters ist Innenschau, Absehen vom Zufälligen, Horchen auf das, was drinnen ist, Empfänglichkeit für Gefühle, intuitives Formerfassen, Hingerissenwerden von der eigenen Glut, Zwang, dem Ausdruck und Form zu geben, was heraus will aus seiner gequälten oder begeisterten Seele. Das Soldatische sehe ich darin, stets „Herr der Lage zu sein”, eine angeborene Kunst, mit den Gegenständen umzugehen (nicht nur Waffen, sondern auch Bratpfannen, Autos, Schlachtermesser), sich zu helfen wissen, organisieren zu können, „auf Draht” zu sein, sich überlegen zu fühlen, allen Lagen gewachsen: das ist der Stoff, der dann zum „preußischen” Soldaten geformt werden kann, der gehorchen muß, ohne sich ein Urteil über den erhaltenen Befehl zu erlauben, der sich als unwesentliches Glied einer Kompanie fühlt, der weiß, daß sein Leben nichts wert ist, wenn es einen Befehl auszuführen gilt, der Stolz besitzen soll und doch seinem Ausbilder die Stiefel putzen und sich

einer Laune wegen in den Dreck werfen muß. Du siehst also, daß bei diesem gedrillten Soldaten das Eigene auf eine ganz winzige Ecke beschränkt bleibt. Beim Dichter aber war alles ganz eigentümlich, ursprünglich, alles nur aus der eigenen Seele. Und wie soll das zusammen kommen?

Man kommt schon weiter, wenn man „Soldat” und „Krieger” unterscheidet. Ja, unsere begeisterten vaterländischen Dichter waren Krieger, gute, vorbildliche Krieger, wenn Du darunter den Mann verstehen willst, der, von glühender Begeisterung für sein Vaterland oder eine hohe Idee ergriffen, zu den Fahnen eilt. Jetzt darfst Du noch fragen, inwieweit der Soldat Krieger sein kann.

Ich kann Dir nicht zustimmen, wenn Du sagst, daß Heroismus typisch soldatische Haltung sei und alle heroischen Menschen als Soldaten reklamierst. Ist es nicht vielmehr so, daß heroische Haltung auch zum Soldaten gehört wie etwa zum Muttertum, zur Forscherarbeit, zum Kranken usw. Allerdings zeigen Soldaten und auch einige Dichter dieselbe heroische Haltung, wie genau so einige Dichter auch Kämpfer sind, ohne daß man deshalb sagen dürfte, Dichter seien Kämpfer wie Soldaten.

Mir scheint, an einigen Stellen ist Dein Aufsatz von apologetischen Gedanken diktiert, als ob es nötig sei, die Wichtigkeit des Dichters für das Leben des Volkes hervorzuheben. Der Dichter will doch nicht fürs Volk arbeiten, sondern er dichtet, weil es seine Lust ist, weil er „singen und sagen” muß.

Vielleicht hast Du trotz der Viermotorigen und Jagdbomber noch einmal Zeit, über diese Frage nachzudenken. Ich freue mich mit Dir, daß Herder, gerade Herder Deinen Dostojewski drucken will! Hoffentlich erträgst Du die gelegentlichen Nackenschläge bis zum Armeebefehlshaber aufwärts noch immer mit demselben Gleichmut wir in der Zeit, die wir beim Kommiß zusammen verbracht haben.

Mir geht's immer noch gut. Ich bekomme jetzt einen ziemlichen Haufen neue interessante Arbeit, die einen Teil meiner sonstigen Freizeit mit auffrißt. Das scheußliche Wetter verursacht mir der größten Gram; denn wenn ich so lange tief im Schoß der Erde ein Höhlendasein geführt habe, möchte ich mich dafür bei einem abendlichen Spaziergang schadlos halten, und das verdirbt mir das unerhört schlechte Sommerwetter sehr regelmäßig. Sogar das Wetter hat sich anscheinend jetzt, wo's aufs 6. Kriegsjahr losgeht, in der Qualität sehr verschlechtert. Dafür koste ich aber jeden Sonnentag bis weit nach Sonnenuntergang aus, und die Sonnenuntergänge sind in dieser Landschaft, die oft wie eine Vergrößerung einer Landschaft von Caspar David Friedrich erscheint, bei weitem das Schönste, ob man sie vom Tal aus oder auf einem der grünen Berge bewundert.

Laß Dir von Herzen alles Gute wünschen und Dich innig grüßen von
Deinem Jupp.