August Böhmer an Gisbert Kranz, 8. August 1944

E Steele 8.8.44.
Büssemstr. 18

Mein lieber Gisbert!

Von Ihren verehrten Eltern erfuhr ich Ihre Adresse. Darum sollen die lang geplanten Zeilen auch sofort zu Ihnen kommen.

Wenn ich auch aus der Sofaecke, die ich nun 6 Jahre verteidige nichts Bedeutendes berichten kann, so ist es doch ein Heimatgruß, der von hier zu Ihnen kommt. Es gibt Männer genug, die den Wert eines Heimatgrußes anerkennen. Da ich an Gemeinschaften zeitlebens stark gewöhnt war, wächst jetzt in mir die Sehnsucht nach geistiger Gemeinschaft. Meine Gedanken ranken schon an respektvollen Namen empor, oder an Männern, deren Charakter mir so klar liegt wie z. B. von Ihrem verehrten Vater. Ich finde mit meinen Briefen schon Echo, wenn auch der Moloch die Tintenpötte scheinbar ausgeleckt hat. Einen vitaminhaltigen Brief bekam ich von Dr Joh Maaßen, einen von unserem Freund Dieter Eischem.

In meiner Freude darüber gab ich beide an den edlen Dr Guillard, der engen Anteil nahm. Dieter hatte als Schwerverletzter - er verlor ein Bein die bedeutungsvolle Aufgabe, über einen Beruf, seine Zukunft zu bestimmen, dabei holte er mich als Ratgeber. Die Befähigung und Liebe zur Kunst kämpfte mit dem Hang zur Theologie. Ich entschied nach Überlegung mit dem Satze „Groß ist die Kunst; doch größer ist das Kreuz”. Zwei solch großer Disciplinen kann ohnehin ein normaler Mensch nicht dienen und in dem +Vater hatte er das Vorbild wie ein Mann ein echter Verehrer J. S. Bachs und guter Musiker, zugleich ein verantwortungsvoller Pfarrer sein konnte. Dieter entschied nun auch nach früherem Vorhaben und meldete sich bei der theol. Fakultät Tübingen. Ich war befriedigt über diese Entscheidung. Dr Guillard freute sich ebenfalls und teilte mir als Neues mit,

daß Theo Deukel auch nach langer Zeit die Wahl getroffen und sich für die Theologie entschieden habe, wobei er bemerkte Dr G. habe ein Hauptteil daran. Dieser bemerkte, daß er sich dessen zwar nicht bewußt sei; aber die da jetzt draußen stehen und durch unsere Schule gegangen seien, wären doch Kerle, die sich nicht nur ihrer Pauker erinnerten, sondern sie sogar als Vorbilder neben sich sähen. So kann ein solch feine Natur wie Dr G. sie hat, von sich wohl annehmen. Andere müssen zufrieden sein, wenn sie zurückblickend glauben dürfen, wenigstens etwas Vernünftiges gewollt zu haben. Dieter hat dazu das Wesentlichste gesagt:
Menschen bedürfen der göttlichen Gnade.

Auch uns muß sie halten wo wir auch stehen, draußen oder drinnen.

Gott befohlen! Ihr alter August Böhmer

[..] Deo gratias!

Bei Ihnen zu Hause auch alles gut.