Josef Fenger an Gisbert Kranz, 20. Oktober 1944

Im Osten, 20.[..].44

Lieber Gisbert!

Ich hoffe, daß Dich diese Zeilen noch bei bester Gesundheit erreichen. Ich kann Deinen lb. Brief vom 25.XI. erst heute beantworten, da ich in Urlaub war u. die Post mir erst heute vom „Ferntroß” zuging. Inzwischen hat sich ja so Vieles ereignet, daß alles bisher Geschehene dahinter zurücktritt. Von Deiner Versetzung hatte ich schon früher gehört. Von der 3. wurde Gefr. Scheuer versetzt. Hast Du ihn schon kennengelernt, oder etwas über ihn in Erfahrung bringen können. Das I. hat es ja auch schwer erwischt u. unsere Erinnerungen an Trotzkoje verblaßen angesichts des jetzigen Kampfes. Wir haben außer dem Kdr. alle Uffz. verloren. Lt. Meier, Lt. Eisenblätter, Lt. Steinmetz, Oblt. Barunke, Lt. Seelig, Hptm. v. Höpfner gefallen. Speer, Behland, Bausch, Brehm, Goerner, Obl. Schröder verwundet. Klötsch ist auch wieder verwundet. Roeper hat das EK I. Näheres kann ich Dir im Moment nicht mitteilen. Halt, Weisser ist auch verwundet.

Aus Danzig sind nun die ersten Uffz. u. O.B eingetroffen. Benwitz soll auch auf der Fahrt hierher sein. Schmitz ist Feldwebel u. jetzt „Ordonnanzoffz.” bei Schöning. Die Mannschaftsverluste sind auch dementsprechend u. viele Bekannte wirst Du nicht mehr wiedersehen. Na, bei euch wird es ebenso sein. Von Deiner Versetzung war ich nicht überrascht. Die Pioniere hatten Bedarf u. der mußte halt aus den beiden Rgt. gedeckt werden. Klar, daß man die Jüngsten u. die Neuen abschob. Es ist natürlich von Nachteil, daß durch den überraschenden Einsatz Deine „Lehrzeit” nicht ausreichte, um vollwertiger Pionier u. dazu noch Uffz. zu sein. Das ist dumm, aber im Einsatz [..] sich alles schnell u. zudem werdet ihr ja wohl auch infantr. eingesetzt sein. Inzwischen seid ihr ja wohl auch abgelöst u. harrt wie wir der Dinge, die da kommen sollen. Es schwirren ja die tollsten Parolen in der Luft rum. Wenn Du diesen Brief in Händen hast, ist das Rätsel gelöst. Nun zu mir.

Bevor wir in Frankreich losfuhren, wurden alle Erfrierungen III. Grades versetzt. Da ich nun in Urlaub war, geschah das bei mir nicht u. ich fuhr nach Rußland. Der Arzt hat mir nicht erlaubt, daß ich mit rauszog u. ich sollte so lange beim Troß beschäftigt werden, bis die nötige Zeit vorhanden ist, um solchen Schreibkram zu erledigen. Im Moment warte ich auf diese Versetzung. Andererseits soll ich den Rechnungsfhr. vertreten, der in Urlaub fahren will. Wenn ich letzteres annehme, verstreicht die Frist u. ich habe natürlich ein Interesse daran, von meinem Haufen fortzukommen, nach allem was hier mit mir geschehen ist. Jetzt brauchen sie mich nämlich wieder, um eine Gr. zu übernehmen.

Wie liegt denn nun bei Dir der Fall, bist Du freiwillig dageblieben? Am Ende bist Du schon versetzt, garnicht mit zum Osten gekommen oder hast die „Mauken” schon wieder erfroren. Ich bin furchtbar gespannt, was mit Dir da geschehen ist. Schreibe doch bitte umgehend.

Für Deine Teilnahme an meinem „Schicksal” u. Deinen aufrichtigen Trost u. Zuspruch herzlichen Dank. Du hast vollkommen Recht u. inzwischen habe ich das Gröbste schon überwunden u. bemühe mich, meinen neuen Dienstgrad (1.12.43 - Ogf.) gerecht zu werden; denn Ogf. ist ja bekanntlich kein Grad sondern eine „Weltanschauung”. Man kann auf diese Weise dem Landserleben noch schöne Seiten abgewinnen. -

Jupp Breuer hat es ja geschafft u. er ist wohl der Beneidenswerte von uns Dreien. An mir hat sich das Wort wieder bewahrheitet: Es irrt der Mensch, solang er strebt. (Non erat demonstrandum.)

Für heute sei herzlichst gegrüßt von Deinem
Jupp

N.B. Zu Haus noch alles in Ordnung?