Leni Bußmann an Gisbert Kranz, 12. Februar 1944
Bolkenburg, d. 12.2.44
Lieber Herr Kranz!
Das ist ja großartig! Wie ich durch Ihren lieben Brief erfahre, bekommen sie ja bald Urlaub. So sehr freue ich mich darüber für Sie und Ferdi! Er sprach so viel von Ihnen im letzten Urlaub und war sehr traurig darüber, daß er Sie nun sicher lange nicht sehen würde. Das wird eine Freude werden. Ich komme selbstverständlich auch, allerdings frühestens Mitte März. Solange wird sich auch noch Ferdis Genesung hinziehen. Er war ja vollkommen herunter, körperlich
wie seelisch. Er muß bei Kertsch sehr viel mitgemacht haben. Besonders bei jenem Angriff, bei dem er an der Hand verwundet wurde. Er sprach in Lublin immerfort, vollkommen abwesend, davon: Er sollte mit seinem Zug einen Panzerangriff abschlagen. (Sein Abt.Führer hatte ihn für die Lösung der schwierigen Aufgabe das D. Kreuz in Aussicht gestellt.) Während Ferdi nun mit seinen älteren Leuten vorstürmte, - von denen einer nach dem anderen fiel, gingen die jungen Kerle, die das erste Mal im Einsatz waren, zurück. Und Ferdi, der noch niemals gewichen ist, mußte auch zurückgehen, zu-
mal er noch den Schuß erhielt. In maßloser Verbitterung über den Verlust seiner alten Kameraden, über die Schuld der jungen Leute und seine erste Niederlage (die natürlich gar keine ist!), nahm er noch nach seiner Verwundung einen Knüppel und schlug auf die Zurückgewichenen ein. Er glaubte, ein Stück seiner Ehre verloren zu haben und steht auf dem Standpunkt, daß alles geklappt hätte, wenn die jungen Leute mitgemacht hätten. Aber nicht sein persönlicher Mißerfolg ist es, der ihn so erschüttert hat, dafür denkt er viel zu edel, sondern die Erkenntnis, wie es um den Nachwuchs bestellt ist. So denke ich mir! Sprechen konnte ich nicht mit ihm darüber, abnehmen
konnte ich ihm nichts von seiner Last. Oft wiederholte er: Der Zug Frölich hat versagt, Frölich hat versagt!
(Vielleicht verstehen Sie jetzt, lieber Herr Kranz, was ich erlebt habe. -)
Bitte schreiben Sie ihm diesbezüglich, aber nicht wissend, er hat ein so großes Vertrauen zu Ihnen und wird sich durch Ihre Worte etwas erholen. -
Nun aber etwas anderes: Ferdi ist nicht mehr in Lublin, sondern in Ravensburg/Württ. Res. Laz. I EK. Am herrlichen Bodensee, oder wenigstens in der Nähe. Mutti ist sofort zu ihm gefahren. Ich kann vorläufig noch nicht fort. Es geht ihm aber gut, er selbst hat mir zwar noch nicht geschrieben. -
Einen recht lieben Gruß,
u. alles Gute!
Ihre Leni Bußmann