Heinz Hecker an Gisbert Kranz, 27. April 1946

Heinz Hecker! 19 geb. in Düren. Neudeutscher. Abitur in Steele. Im Kriege Leutnant in Italien. 44 verheiratet. Lehrer in Ahrhütte.

 

 

Essen, den 27. April 1946               Heinz Hecker, Essen 22a
                                                            Seminarstr. 13.

Mein lieber Gisbert!

Jawohl, Du liest richtig - der Heinz Hecker, Mitverfasser der „Bierzeitung” zu unserem Einjährigen und Kampf- und Leidensgenosse durch manches, lange Schuljahr hindurch, hat „freudig erregt” die Feder ergrifffen, um Dir vielleicht auch einige Augenblicke Freude zu bereiten.

Von Deiner Mutter, die übrigens - ich hatte sie doch auch seit mindestens 6, 7 Jahre nicht gesehen - recht gesund und, gestatte mir das Kompliment, ordentlich jung aussieht, erfuhr ich, daß es Dir dort drüben den Umständen nach gut geht, daß Du vor allem nicht unter dem Kampf um das bischen tägliche Brot zu leiden hast und das ist hier bei uns so ziemlich ganzer und alleiniger Lebenszweck geworden. Wenn sich 3 völlig fremde Menschen auf der Straße begegnen - also, unser Philosophieprofessor Dr. Pieper würde sagen: - eine reine Gruppenform der Masse - so werden sie nach 10 Minuten bestimmt schon vom Essen sprechen. Sind es leidenschaftliche Raucher, so hat letzterer Begriff vielleicht noch den Gesprächsvorrang. Es ist schon ein Jammer, wenn sich eine Gesellschaft immer nur vom und über das Essen unterhält. Aber, da man - ich erinnere mich hier an eine Stelle aus der „Iphigenie” -, immer (oder meistens) von dem spricht, was man nicht besitzt, so findet das also seine natürliche Erklärung. -

Daß ich - wenn ich nun schon einmal unhöflich bin und mit mir beginne - heil aus dem Krieg zurückgekommen bin, brauche ich eigentlich mit oder nach diesem Schreiben nicht

besonders zu betonen. Das Ende erreichte mich in Österreich, wo wir von Italien kommend, gerade eingetroffen waren. Nach 5 monatiger Internierung traf ich dann zu Hause ein, wo ich unser Haus dem Bombenkrieg entronnen antraf. Meine Eltern lebten noch und von weiteren 4 „Soldatenbrüdern”, waren 3 vor mir aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Der Letzte traf am Neujahrsmorgen aus amerikanischer Gefangenschaft in Frankreich am besten von uns allen aussehend wieder zu Hause ein, so daß der Krieg von uns keinen Blutzoll erhoben hat.

Trauriger sieht es in unserer ehemaligen Klassengemeinschaft aus. Von uns 18 Abiturienten sind

8 gefallen (Badde, Brühl, Collenberg, Hagenbruch, Herbert u. Rudi Kirchhoff, Rotemund und Sattler)
2 vermisst (Stricker und Schempi)
1 gestorben (Weise)
2 schwer verwundet (Mintrop und Basten)
1 noch in Gefangenschaft (Pöppinghaus)

Bleiben also noch 4.
Davon studiert Herrmann in Braunschweig, Theo ist im 6. oder 7. Semester in Düsseldorf, Szepan Stumpe ist seinem Beamtenideal treu geblieben na, und ich habe am 4. Juni mein 1. Semester an der neuen und ersten Pädag. Akademie Essen beendet. Noch 2 werden folgen, dann habe ich es geschafft, wenn nichts dazwischen kommt.

Es wird aber auch Zeit, daß ich auf eigene Füße

komme, denn ich bin ja nun schon eine halbe Ewigkeit verheiratet und habe heute eine halberwachsene Tochter (9 Monate). Ja, an seinen Kindern merkt man, daß man langsam älter wird. -

In Eurer Familie hat der Krieg ja recht fühlbare Lücken hinterlassen.

Mein Gott, ich konnte mir garnicht vorstellen, daß die kleinen Kerlchen, die vor Kurzem noch die Sexta besuchten oder noch kleiner waren, nun schon vollendet sein sollen.

Aber die Hoffnung darfst Du nicht aufgeben, daß von den beiden Vermißten doch wieder einmal Nachricht kommt. Auch ich hoffe täglich auf ein Lebenszeichen von meinen liebsten und besten Freund Leo Schempershofe.

Ich weiß nicht, inwieweit Du über das Schicksal Deiner Klassenkameraden informiert bist. Ich weiß nur sicher, daß Willy Lohne noch gefallen ist, ebenso Minna Korstik, Niesert ist Assistenzarzt und zur Zeit auf der Suche nach einer Stellung.

Aus den früheren Jahrgängen:
Franz-Jupp Lehnhäuser schrieb aus russ. Gefangenschaft, Heribert Vogt ist verheiratet und Ass-Arzt am Knappschaftskrankenhaus, dort ist auch Günther Schlaustein, Franz-Jupp Stricker hat seinen Doktor und ist am Laurentiuskrankenhaus, Hans Plücktun hat auch seinen Dr. med.

Das ist so alles, was ich weiß.

Und nun will ich meinen ersten Besuch

bei Dir nicht allzu lange ausdehnen.

Ich hoffe, daß Du - wenn Du einmal ein paar Minuten für mich übrig hast - auch mir einmal etwas schreibst.

Ich wünsche Dir alles Gute, vor allem guten Mut, Zufriedenheit und Gesundheit. Mit dem Wunsche, daß Du bald heimkommst grüße ich Dich
recht herzlich
Dein Heinz Hecken

Meinen Eltern und Helmut (Kumpel) schliessen sich meinen Wünschen und Grüßen an.