Paul Kersebaum an Gisbert Kranz, 24. Juni 1946
Bonn, den 24.6.1946. (Koblenzerstr. 19 - E 17.VII.46 - B 21.VII.46)
Lieber Gisbert!
Lange schon sollte dieser Brief an Dich starten. Nun war ich in den Pfingstferien mal wieder bei Deinen Eltern und da habe ich dann nochmal Deine Anschrift mitgenommen mit dem Versprechen, Dir zu schreiben, was also jetzt endlich geschieht. Zunächst von mir. Dass ich lebe, wirst Du inzwischen erfahren haben; vielleicht auch dass ich weiter Theologus verbleibe. Ich bin jetzt im 7.ten Semester im Albertinum. Den Krieg habe ich gesund trotz dreimaliger Verwundung überstanden. Die letzte Verwundung in Ostpreussen im Kessel von Heiligenbeil rettete mich vor Gefangenschaft in Russland wenn nicht vor schlimmerem und brachte mich in ein Lazarett nach Dänemark, wo ich das Kriegsende abgewartet haben, und von wo ich im August 1945 nach hause zurückkehrte. Ich habe dann gleich mein theol. Studium wieder aufgenommen und bin jetzt schon im dritten Semester nach dem Kriege. Was Du nun noch hier vom Bonner-Betrieb und von einzelnen Theologen wissen willst, musst Du mir
schreiben, da ich nicht wissen kann, was Dich im Einzelnen interessiert.
Nun zu Dir! Ich hoffe mit Deinen Eltern, dass Deine Gefangenenzeit bald beendet sein wird. Diese Hoffnung scheint einigermassen begründet, da ein entsprechender Antrag für Dich läuft, der an Dringlichkeit kaum zu überbieten sein wird. Denn Du fehlst Deinen Eltern sehr. Dass noch keiner von Euch vier Jungen wieder im Elternhaus ist, lastet schwer auf ihnen. Dazu die äusserst schwierigen Verhältnisse in der Heimat verstärkt durch die Krankheit Deines Vaters und der ganze Geschäftsrummel, den ich mir einigermassen vorstellen kann, das ergibt zusammen eine Lage, in der eine junge Kraft unbedingt erforderlich ist. Vor allem einer mit noch unverbrauchten Nerven, der ausserdem über diesen Dingen steht und sich nicht darin verliert. So wünsche ich besonders Deinen Eltern, dass Du bald ihnen zur Seite stehen kannst.
Ich weiss auch, dass Du natürlich andere
Interessen hast, als Dich um geschäftliche Dinge zu kümmern. Aber darum geht es garnicht. Deine Eltern brauchen Trost und Rat als wichtigstes. Also diese Stütze in der Heimat kannst Du sein auch ohne irgendwie Dich zuviel in kleine geschäftliche Dinge zu verlieren. Ich glaube Du verstehst mich und wirst es mir nicht übel nehmen, dass ich überhaupt davon schreibe. Aber durch meinen letzten Besuch bei Deinen Eltern glaube ich, garnicht anders zu können. Dabei kann ich die Haltung Deiner Eltern nur aufrichtigst bewundern; aber es lastet sehr, sehr viel auf Ihnen.
Ich habe versucht, vor allem Deiner Mutter etwas an Arbeit abzunehmen, indem ich mich um das Schicksal von Karl-Heinz und der Gewissheit darum kümmern wollte. Leider habe ich noch keine Antwort von Polen. Ich will auch die möglichen Schritte bei der Missio vaticana anstrengen, um etwas über