Willi Krause an Gisbert Kranz, 30. November 1946
Bonn, den 30. Nov. 1946 (E + B 7.XII.)
Lieber Gisbert!
Dieser Tage las ich am Schwarzen Brett, daß Du von uns alten Knochen etwas hören möchtest. So habe ich nun Deine Adresse und will Dir auch Deinen Wunsch erfüllen. Daß Du noch lebtest, habe ich schon im Lager vermutet, als ich einmal in der „Wochenpost” eine Shakespeare-Sonette las. Ich vermutete damals gleich, daß Du der Übersetzer warst. Ist Dir übrigens prächtig gelungen!
Seit ich Dir den letzten Brief schrieb, sind einige Jahre vergangen. Ganz kurz will ich Dir darum erzählen, wie es mir seitdem ergangen ist. Im September kam ich in den Westwall und habe die Kämpfe um den Westwall bei Lammersdorf, Rötgen und Monschau mitgemacht, später die im Hürtgener Wald. Im November kam ich dann wieder zum Ausbildungs-Regiment, nach Köln diesmal. Und dann zogen wir nach Norden, bis ich in der Gegend von Dülmen in Gefangenschaft kam. Mit meinem Zug habe ich damals eine Übergabe gemacht, weil unsere Lage aussichtslos war. In Gefangenschaft war ich in Belgien in den Lagern 2224, 2223 und 2228. Von letzterem wirst Du wohl gehört haben. Im Februar war ich mit meinen Kräften am Ende: unterernährt und gelähmt. Mit einem Lazarettzug kam ich Mitte März dieses Jahres in
ein deutsches Lazarett und acht Tage später schon nach Hause. Als Klappergestell kam ich an. Heute bin ich wieder ziemlich rund und habe alle Folgen der Lähmung und Unterernährung überwunden. So konnte ich dann zum Sommersemester wieder hier im Kasten beginnen. Gleich durfte ich da das Philosophicum machen. Das war nicht ganz einfach, hat aber gut geklappt. Mit Gut bestanden. Nun bin ich im 6. Semester, nachdem mir eines vom Generalvikar geschenkt worden ist. Von unserem alten Semester sind noch hier: im 6. Semester Hans Laurenz Deckers und Peter Paas, im 7. Joseph Schwark, im 8. Albert Obermann und Jochen Soddemann. Im Albertinum sind Willi Stark, Hans Wingendorf und Willi Wieners. Im Seminar sind Fritz Coquelin, Willi Sauber und Jochen Werner. Klaus ist in Schwarzrheindorf seit 2 Jahren Kaplan. In Tübingen studiert noch Theo Stollerwerk. Kurt Heidbüchel studiert hier Medizin (ich glaube, daß es stimmt), Gerd Alfs in Köln. Von den anderen weiß ich nichts.
Nun für heute frohe Grüße. Ich wünsche Dir baldige Heimkehr. Wenn Du auch nicht mehr zu uns zurückkommst, in unser Gebet bist Du eingeschlossen.
In Treue,
Willi