Willi Lohne an Gisbert Kranz, Sommer 1938 (vor dem NSDAP-Parteitag)

Wissel, den 51. Tag vor der Entlassung.

Lieber Gisbert!

Nachdem ich nun vor einigen Wochen von Dir einen so langen Brief erhalten hatte, will ich mich doch endlich einmal aufschwingen, zu antworten. An sich ist die Zeit sehr günstig, da ich heute Wache schieben muß. Aber je weniger der Mensch zu tun hat, um so fauler ist er. Wovon soll ich Dir aber nun schreiben?

Wie ich Dir im Pfingsturlaub erzählte, habe ich das Glück, bzw. Unglück, im Nürnbergzug zu sein. Mir persönlich macht es sehr viel Spaß. Obwohl wir einer Besichtigung zufolge uns als einer der besten Züge des Gaues Niederrhein erwiesen haben, fällt Nürnberg für uns mit der größten Wahrscheinlichkeit ins Wasser. Dafür kann man verschiedene Gründe angeben:

1. Unser Lager soll verlegt werden,
2. Wegen einer bevorstehenden Krise soll unser Lager auf Ist-Stärke erhalten bleiben.
3. Vom ganzen Gau soll - natürlich wegen der augenblicklichen politischen Lage - nur 1 Zug nach Nürnberg.

Überhaupt ist die Politik ein Kapitel für sich. Morgen soll unsere ganze Abtlg. eine Spritze bekommen!! Hat man

mit Euch auch schon etwas Ähnliches unternommen.

Was unsere sonntägliche Freiheit anbetrifft, so kann ich Dir freudigst mitteilen, daß ich ohne Ausnahme zur Messe gekommen bin. Vor 2 Sonntagen hat ein Unterfeldmeister versucht, uns davon abzuhalten. Erst nachdem ich auf eine gewisse mündliche Ausführung des Reichsarbeitsführers hinwies, schnauzte er wutentbrannt: Geht, haut ab! Worauf wir dann friedlich von dannen zogen.

Vielleicht weißt Du auch noch nicht, daß unser Heimaturlaub gesperrt ist. Diese Urlaubssperre ist eine Anordnung unseres neuen Generalarbeitsführers, der 27 Jahre Pädagoge war. Wenn diese letztere Tatsache auch schon entschuldigt, so ist es doch immerhin für uns höchst unangenehm, zumal wir nicht weit von der Heimat wohnen. Aber - unter uns gesagt - so ab und zu läßt sich schon mal auf irgendeinem Wege etwas machen. So nehme ich an, daß ich für Sonntag wieder einen Weg gefunden habe.

So, lb. Gisbert, ich glaube ich habe genug dummes Zeug geschrieben. Trotzdem aber wirst Du ihn zu schätzen wissen, wenn Du weißt, daß ich ihn mit mühsam aufgehaltenen Augen geschrieben habe.

Also, lb. Gisbert, ich wünsche Dir alles Gute u. Gottes reichsten Segen, und wenn alles gut geht, werden wir uns bald wieder Seite an Seite wiederfinden.

Mit freundlichem Gruß!
Dein Willi