Rosalie Schüttler an Freund Theo Hoffmann, 12. April 1943

12.4.43

Lieber Theo,

ich habe wieder zufällig jemand gefunden, der mir ein Paketchen für Dich nach Russland mitnehmen will, ein Eisenbahner, der am 17. hier abreist und am 23. seinen Dienst in der dortigen Gegend antreten muss. Er wird am Bahnhof Dnjepropetrowsk dem Fahrdienstleiter das Paketchen für Dich abgeben, und Du kannst es gewiss möglich machen, es Dir dort nach dem 23.4. abzuholen oder holen zu lassen. Willst Du das bitte tun? Ich glaube, es ist der beste Weg. So wirst Du doch wenigstens eine kleinen Ostergruß von mir haben. Wie gern wüsste ich, ob Du irgendeinen besonderen Wunsch hast? - Hoffentlich finde ich noch etwas heraus, was Dir Freude macht. Ich werde auch das russische Lehrbuch wieder mitgeben, das vor Wochen schon einmal ein Soldat mitgenommen hatte, der aber unterwegs eine Unfall erlitt und es mir kürzlich aus einem Königsberger Lazarett wieder zurückschickte. Ist es Dir jetzt überhaupt noch von Nutzen, oder hast Du zwischenzeitlich schon mehr russisch gelernt als das Buch enthält? Ich bin so froh, dass nun auch die Postsperre aufgehoben ist und ich Dir wieder meine kleinen Päckchen machen kann, es sind schon eine ganze Anzahl seit dem 1. April an Dich unterwegs, und ich wünsche mir sehr, Du würdest Dich wieder darüber freuen wie sonst. Ich denke daran, wie Du einmal so begeistert darüber geschrieben hast, das hat mich so glücklich gemacht. Nun weiß ich schon so lange nichts mehr von Dir und zähle noch immer weiter die Wochen, seit ich ohne Gruß von Dir bin. Tut es Dir gar nicht ein wenig leid, dass ich so sehr, so trostlos warten muss? Doch ich will nicht wieder klagen, und wenn ich Deinen letzten Brief wieder lese, dann ist mir ja auch, als wäre es unmöglich, das Du mir plötzlich so fern bist, wie es Dein Stillschweigen mir drohend vorhält. Ich habe mich sehr zur Arbeit gezwungen, sie macht

mir zwar kein leichtes Herz, verkürzt aber doch ein wenig die Zeit. Der Garten fordert jetzt viel Mühe und Liebe. Gestern habe ich geschafft bis ich nicht mehr gerade stehen konnte. Zum Umgraben hatte ich zwar auch in diesem Jahr ein Hilfe, aber gedüngt, aus der Grube, habe ich diesmal selbst, wenn auch heftig naserümpfend - und ohne Spritzer geht es dabei ja auch niemals ab. Du hättest gelacht, wenn Du mich gesehen hättest und wirst Dir denken können, mit welchem Genuss ich danach ein mit duftenden Salzen bereitetes Bad genommen habe. Nun ist schon das erste Gemüse gesät - kennst Du das eigenartige Empfinden, wie man sich ein wenig als Schöpfer fühlt beim Säen? Es ist, als ob man damit gleichsam auch ein „ es werde“ ausspräche, obgleich die Erde es ja ist, die mit ihren wunderbaren Kräften das Samenkorn zur Pflanze werden lässt. Ich liebe die Erde sehr, wenn ich darin arbeite, dass ich zuweilen mich niederbeuge und meine Hände hinein grabe. - In der letzten Woche bin ich zweimal in Sachsen gewesen, Du wirst meine Karte aus Chemnitz gewiss bekommen haben. Es war wirklich hübsch, man hatte mir infolge eines plötzlichen Ausfalls die Transportführung eines Muki-Zuges angetragen, und das reizte mich natürlich. Der Transport war recht interessant, zumal ich eine sehr nette Lotsin aus Sachsen bei mir hatte, mit der sich gut arbeiten ließ. Und Arbeit hatten wir bis in die tiefe Nacht mit Feststellung aller Mitfahrenden, Verteilung der Pflegestellen, Anordnungen für Begleiter und Küche, Übernahme des dreimal wechselnden Zugpersonals, und hundert anderen Dingen. Es ist ein hübsches kleines Machtgefühl, über solch ein rollendes kleines Dorf von 12 „Häusern“ mit ungefähr 600 Menschen die Befehlsgewalt zu haben. Der Umgang mit so vielen ist sehr interessant, ich könnte Dir die unglaublichsten Geschichten erzählen. Die Fahrt ging über Ohligs - Wuppertal - Hagen und ich musste bei jedem Bahnhof daran denken, das dies alles einmal Stationen waren auf einem glücklichen Weg - nach Iserlohn. Welch frohe Gedanken wären das gewesen, wenn ich einen Brief von Dir gehabt hätte. So hat dies Erinnern mir nur weh getan. Hättest Du doch die Reise mitmachen können, lieber Theo: Die vielen Stunden sind recht gut auszuhalten, wenn man ein 1. Klasse - Abteil für sich allein hat und aus der Küche gut verpflegt wird, es würde Dir gefallen haben. Außer zwei Fieberkranken, die wir in Nordhausen abholen ließen, gab es keinen störenden Fall, und nach dreistündigem Aufenthalt in Chemnitz, einer angenehmen Stadt, sind wir, der sehr junge Arzt, jung in jeder Hinsicht, und acht Begleiterinnen, in unserem leeren Sonderzug wie die Fürsten wieder zurückgefahren - in der Abendsonne durch die schönen Harzberge, an denen man sich nicht satt sehen konnte. Ein langer Transportzug voller Soldaten kam vorüber, alle diesen Totenkopf an der Mütze, alle bestimmt für Russland. Ich habe mit Tränen in den Augen, obgleich lachend, das Winken erwidert. Welch furchtbarer Gedanke, dass die meisten dieser jungen Menschen wieder so hingeopfert werden. Ich habe in diesen Augenblicken alle geliebt und um alle gelitten. - Die zweite Reise leitete mein Vater, wobei wir sofort nach Lokomotivwechsel zurückfuhren, gerade dass ich in Leipzig Zeit fand, zwei Päckchen an Dich abzuschicken. Vielleicht bekommst Du sie von dort schon etwas schneller. Eines ist in Eile und auf einem Geländer liegend recht wüst beschrieben, sei nicht böse deshalb, ich wollte es auch nicht wieder mit zurücknehmen. Wenn Du diesen Brief bekommst, lieber Theo, wird wohl Ostern sein - ich wünsche Dir so glückliche Ostertage wie Du sie nur selbst für Dich erhoffen kannst.

Sei herzlich gegrüßt lieber Theo -
Deine Röschen.