Theo Hoffmann an Freundin Rosalie Schüttler, 3. September 1943

[Poststempel 3.9.43]
[ohne Ortsangabe – westlich von Charkow]

Liebes Röschen,

mir fehlen nur die Musik gesprochenes und geschriebenes Wort, die Präsenz drückt mit der Gewalt der Geschehnisse, ich will Substanz fühlen in diesem Totentanz , in der Vernichtung und Verstümmelung menschlicher Gefühle.... was wissen wir schon vom Menschen - wie oft waren wir trunken von den großen Werken . Die ein Jenseits, eine Ewigkeit in sich hineinreißen, wie groß kann der Mensch sein – und wie wird er hier erniedrigt, sein Leben, sein Schaffen, sein Alles in den Staub getreten. Und immer wieder erhebt sich die Frage – was ist der Mensch? Welch eine gefährdete Existenz, über dem Abgrund schwebend. „Wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, jahre

lang ins Ungewisse hinab“.

Immer wieder ergreift mich das Rätsel des Menschen, seine Seele, ihr Ausdruck, immer wieder erschüttert mich ein Menschenantlitz zutiefst – ja, ich habe schon um ihn gelitten, meine die Jugend, ehe noch die große Katastrophe über unser armes Volk, über die ganze Welt hereinbrach. Wie in einem tiefen Traum lebte ich vorher, und alles, alles wird bittere, entsetzliche Wahrheit. Aber alles Mitwissen, deutliches Vorausahnen des allgemeinen wie auch des eigenen Schicksals, was tut’s? Das Rad geht seinen Lauf zermalmend und vernichtend. Doch bleibe ich unbeirrt, und wenn ich selbst zugrunde gehe, ich glaube an die großen Werte. Die Allgewalt des Todes soll sie mich noch tiefer erkennen und erfühlen lassen. Ich liege in meinem

Erdloch, zusammengekauert, und wieder liegt furchtbares Trommelfeuer auf uns aller Kaliber. Dazu kommen Flieger über Flieger, die im Tiefflug ihre Lasten entladen Tag und Nacht – des Nachts ist alles taghell erleuchtet, dann werfen die russischen “Mähmaschinen“ aus geringer Höhe ungestört ihre Lasten. Die letzten aufgefüllten Reste unserer Truppen schmelzen zusammen. Gestern wurde mein Truppenarzt-Schreiber, ein Sanitätsfeldwebel, vorn vor mir, schwer verwundet, außerdem mein Sanitäts-Dienstgrad. Mein treuer Leibbursch, der Russe Matjusch, war durch Kopfschuss sofort tot – er war ein intelligenter, kultivierter

Mann von 38 Jahren, gut in der russischen Küche praktisch bewandert, der mir außerdem meine russischen Lektionen gab. Die andere russische Hilfskraft hat einen Lungen-Durchschuss. Jetzt stehe ich augenblicklich allein mit meinem Fahrer – Entsatz soll zwar kommen, nur Gott sei Dank, mein Horch-Wagen ist noch intakt, so bleiben also immerhin noch Möglichkeiten. Wir sind wieder einmal, wie so oft, fast von allen Seiten eingeschlossen, von drei Seiten im Umkreis schießt und trommelt es auf uns. A la longe personne ne resistera, ne survivra. Jeder hofft

und hofft. Aber den allerwenigsten wird es beschieden sein, das Glück, heil alles zu überleben.

Die Bildchen von meinem Heimathaus, von Deinem Garten und der Wohnung sind lieb und rührend, welch eine ferne, freundliche Welt, welche Gefahren liegen dazwischen, hier und dort. Wie nur durch ein Wunder werden sie unberührt bleiben können, wird man sie wiedersehen können. Der Pfingstbrief war wie ein kleines Buch mit viel, viel Sorgfalt zusammengestellt. Du hast recht gut aufgenommen und zeigst vor allem unter Deinem blühenden Baum graziöse, liebenswerte Manier.

Dein langer Brief kurz nach meiner Abreise überschüttet mich derart mit [---],

dass ich gezwungen bin, einen Großteil als weit über das Ziel geschossen, abzulehnen, liebes Röschen. Ich glaube, Du übersiehst liebenswürdig manche meiner Fehler - und davon sind viele - und generalisierst einige meiner vielleicht guten Seiten. Ich möchte Dir danken, dass Du während der Zeit meines Urlaubs in Köln Dich um so vieles so sehr bemüht hast, nur war ich doch eigensinnig wegen meiner Familie.

Die Stunden bei Dir waren sehr schön, bei aller sonst mir ungewohnten Ausgeglichenheit waren sie leidenschaftlich und voller Steigerung. Du

warst sehr zärtlich, hingebend .... und willig, jeder Bewegung und Folie nachgebend.

Deine déjeuners wären selbst für triste Friedenszeiten exquisit und kostbar gewesen. In dem Trümmerfeld im zerstörten und von Feldküchen speisenden Stadt waren sie ein Erinnerung an glückliche Zeiten, die schon lange entschwunden. Dass Du die Wohnung nicht ganz in Schwung hattest, ist wohl aus der unglücklichen Verkettung der Umstände zu erklären und infolgedessen quantité négligable. Eine Menge kleiner Feldpostpäckchen sind angekommen, dagegen

das große Paket noch nicht. Hast Du eigentlich meinen Brief von der Reise nicht erhalten? Ist die Zensur jetzt derart, dass man die Briefe en masse verschwinden lässt? La situation intérieure du Reich devient de plus en plus mal. -

Ich will schließen, liebes Röschen, entschuldige bitte alle schlechten Nebenumstände, ich liege hier in dem Erdloch, schmutzig, heruntergekommen, erschöpft. Habe die Jacke zerrissen mit gossen Löchern, unrasiert, die Haut schwarz und mit Blutkrusten bedeckt.

Lebe recht herzlich wohl
Dein Theo

Es handelt sich hier um die letzten Zeilen aus Hyperions“ Schicksalslied“ von Hölderlin, vertont von Johannes Brahms op.54.
Auf lange Sicht wird keiner widerstehen und überleben.
Mahlzeiten
zu vernachlässigen
Die Lage im Reich wird immer schlimmer.