Johannes Ließem an seine Frau Elsbeth, 20. Mai 1940

20. Mai 1940

Liebstes, schönstes und herrlichstes aller lieben Frauchen!

Ach, „bestes" Frauchen habe ich noch vergessen. Nach diesem Schwall von Ergüssen will ich Dich küssen (die von Schloßheck, die hatten keine!)

Ich hoffe, daß Du den Muttertag im Bewußtsein Deiner Würde recht schön begangen hast. Ich hatte auch gestern mal eine freie ruhige Stunde und habe noch mal die ganzen Fotos von Dir und Dorotheechen auf meinem Schreibtisch ausgebreitet. Vielleicht trägt das auch zu meiner heutigen Verliebtheit bei. Das heißt verliebt bin ich immer (natürlich nur in Dich - sei am Rande vermerkt), aber heute ist es eben ganz toll.

Heute waren wir geschlossen im Cirkus Althoff. Am interessantesten war eine Löwendressur. Der Dompteur beherrschte das Tier nur mit seinen Augen. Mit den Augen brachte er das vorher gereizte und fauchende Tier zur Erde. Es zog sich immer mehr zurück und vermied zum Schluß ängstlich, den Meister, den „Beherrscher Mensch" anzusehen.

Was sagst Du übrigens zu der Kriegslage. Ich habe in den letzten Tagen verschiedene Male an Cäsar oder Hannibal denken müssen. Ein Vergleich der heutigen Lage mit diesen großen Feldherren ist gar nicht so absurd, wie es klingt. Wenn man die Serie der territorialen Veränderungen in den letzten paar Jahren betrachtet und vor allen Dingen, das sich im Augenblick abwickelnde Geschehen, muß man der deutschen Wehr-

macht und seinen Führern unbegrenzte Hochachtung zollen.

Hoffentlich hat das Ganze nur bald ein Ende, denn manch schreckliches Schicksal trifft die Einzelnen ja doch.

Deine ersten Briefe habe ich bekommen, die ich so sehnlichst erwartet habe. Daß Dorotheechen so schön an mich gedacht hat, als ich weg war, hat mir gut getan. Und überhaupt, alles was Du schreibst, tut einem so gut. Ich glaube ja kaum, daß der Krieg sehr lange dauern wird und hoffe, daß ich bald wieder für immer bei Dir sein kann. Das gibt aber ein Fest.

Vorgestern abend habe ich noch mal Kriechels getroffen. Frau Kriechel habe ich gesagt, sie möge Dich recht sehr von mir grüßen, wenn sie Dich träfe.

Nun, liebe Elsbeth, will ich Dich noch einmal umarmen und Dich nach Herzenslust küssen. Ich sage Dir jetzt Gute Nacht und wünsche, daß wir mal voneinander träumen.

Ich bin immer Dein

lieber Hannes, ja?