Johannes Ließem an seine Frau Elsbeth, 30. Juni 1940

30. Juni 1940

Liebste, allerliebste Elsbeth!

Drei Briefe und eine Karte aus Honnef habe ich von Dir auf einen Schlag bekommen. Wie glücklich ich darüber bin, kannst Du Dir lebhaft denken. Auch die Zigaretten sind, wie immer, glücklich angelangt. Jetzt warte ich nur noch mit Schmerzen auf Filme.

Anbei findest Du einige Bildchen. Andere, die etwas von Kriegsspuren zeigen, sind schon alle weg. Aber ich wollte Dir eigentlich erst die beiden schicken, wo ich mit drauf bin und nun blieben die, die noch mehr beiliegen, übrig.

Es freut mich, daß Ihr einen so schönen Tag auf Grafenwerth verlebt habt. Du darfst nicht niedergedrückt sein, weil ich nicht bei Dir bin, denn wir haben uns doch so gern, daß die Trennung im Gemüt doch nichts ausmachen darf. Du mußt Dich nur freuen auf unser Wieder­sehen. Hab' nur noch ein wenig Geduld, dann bin ich wieder bei Dir. Denn der Krieg kann ja nicht mehr lange dauern und dann sitzen wir wieder beisammen und keiner braucht sich zu schämen, daß wir nicht unsere Pflicht und Opfer für das Vaterland getan haben. Und unsere Liebe wird höchstens noch reicher werden. Aber wir sind ja schon so reich an dem was wir an uns haben.

Auch mein „unbekanntes Schulmädel" hat mir mal wieder geschrieben. Erst schrieb es: Lieber unbekannter

Soldat, dann: lieber unbekannter Kamerad und nun fängt sie an:

„Lieber Hannes, aus der fernen Heimatstadt sendet Dir Ferdinande die herzlichsten Grüße".

(Das Kind ist im 7. Schuljahr) Sie schreibt, daß die Kirschen schön süß geworden sind, daß sie in der Schule Kräuter sammeln und 48 Pfd. Birkenblätter, daß es ihr und den Geschwistern noch gut gehe, daß sie einen großen Garten haben mit Erbsen, Möhren, Kartoffeln und sonstigem Gemüse. Auch hätten sie reichlich Obst. Diesen Herbst, wenn die Äpfel, Birnen und Pflaumen reif wären, würde sie mir auch ein Päckchen schicken. Dann fragt sie: „Wie ist es eigentlich rauchst Du oder nicht? Dann werde ich Dir auch Zigaretten und Tabak schicken. Kannst mir im nächsten Brief ja mal mitteilen. Allmählich will ich schließen, denn die Tinte will nicht mehr fließen." Der Schluß sieht ungefähr so aus (natürlich in Sütterlinschrift)

Nun sei noch herzlich gegrüßt von
Deiner
Kleinen
Ferdinande.

Meine Eltern u. Geschwister lassen auch vielmals grüßen.

Entschuldige
der schlechten
Schrift, denn es
ist schon spät.

Schreib bitte
sofort wieder
auf Wiederhören

Aber sie plaudert in ihrem Brief so nett unbekümmert kindlich wichtig, daß es mir Spaß ge­macht hat. Ich sollte Dich und mein Töchterchen auch vom letzten Brief her grüßen.

Keller, Walbröl, Kallmeyer, Deine Mutter, meine Eltern, unser früherer Spieß (Seckelmann), Bernshausen und Anna haben auch geschrieben. Ich hatte also genug Lesestoff. (Tante Anna aus Köln auch.)

Nun nehme ich Dich einmal fest in meine Arme und drücke und küsse Dich so fest, wie es eben geht und dann komme ich Deiner Einladung nach und trage Dich bis zur Couch und helfe Dir ... Und in diesem seligen Bewußtsein küsse ich Dich ganz innig auf den Mund, die Augen und dahin, wo Du es so gern hast. Immer bin und bleibe ich Dein treuer Dich verehrender und liebender

Hannes