Johannes Ließem an seine Frau Elsbeth, 6. Mai 1941

6. Mai 1941

Meine liebe Elsbeth!

Zuerst wieder mal einen herzlichen Gruß. Und vielen Dank für Deinen letzten schönen Brief. Na, die Hilde ist ja eine nette Marke, ich meine von wegen Haar ondulieren. Das mußt Du ihr aber von vornherein nett, aber sicher, abgewöhnen.

Ich habe diesmal einen schönen Sonntag gehabt. Mit einem Feldwebel bin ich etwas ausgeritten. Es war einfach herrlich. Zweieinehalbe Stunde durch Wald über Wiesen, über Felder, durch Bäche. Steil runter und auf der andern Seite wieder steil rauf. Nach Ansicht des Feldwebels habe ich mich sehr gut gehalten. Er ist nämlich ein alter Husar. Er sagte, das mache nicht jeder, so eine Dickunddünn-Fahrt. Da hätten die Meisten Angst. Und das ist etwas, was ich beim Sport nicht kenne. Z. B. wollte das Pferd nicht über den Bach hinüber. Es bockte und wollte an dem Bach vorbei; um an einer weniger steilen Stelle herüber. Aber wenn man dem Pferd den Willen läßt, hört es auch nachher nicht mehr auf den Reiter, sondern läuft, wo es selbst hinwill. So habe ich denn mit den Absätzen und einer Gerte und den stramm gehaltenen Zügeln das Tier so lange bearbeitet, bis es nachher mit einem Satz da hinüber ging, wo ich es haben wollte und dann ging es aber

mit Caracho den Steilhang durch dichtes Gestrüpp herauf. Ich war ordentlich stolz auf das Lob des Feldwebels. Er sagte: „Donnerwetter, das hätte ich nicht gedacht!“ Auch das Trabreiten ging schon nach der ersten Viertelstunde ganz gut. Heute reite ich wahrscheinlich zum Bataillon.

Ich glaube, Du mußt mir bald mal einen Zettel in einen Brief einlegen, wer jetzt demnächst so alle Namenstag oder Geburtstag hat. Aber schreib’ es auf einen besonderen Zettel, denn ich trage nicht gerne einen Brief von Dir so offen herum. Den Zettel könnte ich dann einfach auf meinen Platz legen.

Liebes Dorotheechen!

Was muß ich da immer sehen. Immer am Däumchen lutschen? Da bekommt doch Dorotheechen

so häßliche Zähnchen von und manchmal auch ein wehes Däumchen. Wenn Dorotheechen weiter lutscht, treten die lieben Zähnchen nachher ganz nach vorn und dann sieht das Mündchen ganz häßlich [aus]. Auch müssen dann die Zähnchen von einem Doktor mit einem Draht wieder nach hinten gebogen werden und das tut sooooo weh. Und dann kann Dorotheechen nur noch unter Schmerzen essen und dadurch wird mein liebes, sonniges Mäuschen krank. Dann ist die liebe Mutti und der gute Vati sehr, sehr traurig. Also .…!

Und nun halte ich Dich lieb und gebe Dir ein herzliches Küßchen.

Dein Vati.

Heute morgen ist wieder ein Sauwetter. Die Wege bestehen nur noch aus Schlamm. Dazu schneit es schon den ganzen Morgen lang. Aber meine Liebe zu meinem Frauchen ist trotz der Kälte sooo heiß.

Ich halte auch Dich ganz fest lieb, küsse Dich überall hin, wo Du es gern hast, auf Deinen lieben Mund, Deine schönen Augen und Deine liebe, liebe Brust. Ich habe Dich immer lieb.

Dein Hannes.