Johannes Ließem an seine Frau Elsbeth, 22. Mai 1940

22. Mai 1940

Liebes Frauchen!

Deinen Brief habe ich bekommen und mich, wie immer, sehr darüber gefreut. So grüße ich Dich recht herzlich und küsse Dich ganz oft auf Dein liebes Schnibbelchensschnüßche. (Die von Schloßheck, die hatten Ausdrücke).

Heute ist mal wieder ein wunderbares Wetter. Es ist ja eigentlich jammerschade, daß man so wenig herauskommt. Das Strandbad hier ist auch noch nicht eröffnet, weil noch einige Um­arbeiten vorgenommen werden. Gerne würde ich mich nochmal aus einiger Höhe kopfüber ins frische Naß stürzen. Aber gleich werde ich nochmal so etwas herausgehen. Fliegeralarm haben wir erst 2 mal gehabt. Ich bin auch garnicht scharf drauf. Aber wäre es für Dich und Dorotheechen nicht besser, wenn Ihr bei Fliegeralarm jetzt in den Keller gehen wolltet. Man hört so allerhand und ich meine, sicher ist sicher.

So, nun war ich 3 Stunden (von 8 - 11,00 Uhr) heraus. Ich bin einmal durchs Städtchen gegan­gen und traf zufällig auf der Straße einen Godesberger, der seit ungefähr 6 Wochen eingezogen ist. (Schäfers Bub, weißt du, der Schneider). Wir haben uns noch was von Godesberg unterhalten und „2 mit Schuß" getrunken. Danach bin ich allein nochmal durchs Städtchen gegangen und habe mich im Schloßgarten auf eine Bank gesetzt. Rings um die Bank standen Steinpflanzen und die Luft war herrlich, wie an

einem lauen Sommerabend. Ich saß aber noch keine 5 Minuten da, da war ich auch schon eingeschlafen. Gegen ¼ vor 11 wurde ich wach und sah, daß es schon dunkel war. Da habe ich mich denn schleunigst aufgemacht und bin nun hier, um Dir den Brief fertig zu schreiben.

Du fehlst mir jetzt sehr. Weißt Du, daß wir immer gesagt haben, das Frühjahr ist die schönste Jahreszeit. Und wie schön wäre es, wenn wir sie zusammen verbringen könnten. Alles ist jetzt draußen schön, die Blumen blühen, die Wiesen sind grün, alles sprießt und knospt. Mein Sinn ist ganz schlimm auf mein Frauchen eingestellt und wie schön wäre es, wenn wir zusammen mal mit Dorotheechen auf eine richtige Wiese geraten würden, weißt Du nicht in eine Anlage, sondern in eine wilde Wiese mit frischem Gras, mit Glockenblumen und Weinblumen, Butter­blumen, schönen Gräsern, mit Grillengezirps und Vogelgezwitscher, mit Käfern und schönen bunten Schmetterlingen. Dorotheechen würde dann Blümchen pflücken und jauchzen vor Freude. Derweil würden wir uns was ins Gras setzen oder legen und Dorotheechen käme alle Augenblicke angetrippelt und sagte: „Da viele Bümchen" und sie würde uns auf jeden Schmetterling aufmerksam machen. Dabei müßten wir noch aufpassen, daß sie nicht in den nahen Bach fällt. Am Bach stehen Weiden, aus denen ich ihr eine Flöte schnippeln könnte.

Aber nun genug des Fantasierens. Wenn Gott will, holen wir das im nächsten Frühjahr alles nach. Wenn das nämlich mit unseren Truppen so weiter geht, kann der Krieg m. E. nicht lange dauern. Das wollen wir denn auch hoffen. Und wenn nicht, weißt Du, daß ich immer Dein treuer Hannes bin.

Gute Nacht, liebe Elsbeth.