Johannes Ließem an seine Frau Elsbeth, 8. September 1943

8. September 1943

Meine liebe, liebe Elsbeth!

Nun, jetzt am 19. September, ist wieder der Tag, an dem wir vor 6 Jahren des morgens feierlich, mit Fahnen, Orgel- und Geigenspiel in die Marienkirche einzogen, um vor Gott und der Welt uns ein schönes Versprechen abzulegen. Wie feierlich war uns zumute, welch‘ schöne Gedanken eröffneten sich uns. Aber, wie ist es gekommen! Im Wesentlichen haben sich unsere Gedanken ja erfüllt. Wir sind denkbar glücklich geworden, sind zusammengewachsen, fest und unerschütterlich. Ja, je länger wir zusammen sind, je mehr geht Einer im Anderen auf und oft denke ich an das schöne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer „Der römische Brunnen“

. . . . das überfließt
zur nächsten Marmorschale Grund
. . . . .
und jeder nimmt und gibt zugleich . . . .

Unser Bund ist bisher eine einzige Steigerung gewesen und wir sind uns immer näher gekommen.

Doch, hätten wir uns am 19. vor 6 Jahren träumen lassen, daß unserer jungen Ehe schon so viel Schweres aufgelegt würde. Krankheit und Krieg! Zwei Worte! Aber für Dich 6 schmerzvolle Jahre, für uns beide 4 Jahre Trennung. Das ist nun das „Unwesentliche“. Wie stark, gläubig und schön ist es demnach, daß man dieses als „Unwesentlich“ gegenüber dem Wesentlichen bezeichnen kann. Für wieviel Ehen ist es genau umgekehrt gekommen. Wie haben wir jedesmal die Freuden aus jedem Zusammensein herausgepflückt, wie ist uns jeder Brief ein lebendiges Band!

Ach, unser Herz ist ja so voll vom Andern. Und aus unseren Seelen, aus unseren Leibern haben wir uns ein Glück geschaffen. Sieht man es Dorotheechen nicht an, daß es ein Kind aus einem solchen Bund ist? Körperlich und geistig aus dem Glück geboren? Für ihre Entwicklung hat man keine Angst. Kann ein Kind von „solchen Eltern“ überhaupt ungeraten werden? Ich glaube es nicht.

Nun, dieser Krieg wird einmal zu Ende gehen und ich spüre es ganz bestimmt, daß ich wieder zu Euch zurückkehre. Kannst Du Dir diese

Freude jetzt schon ausmalen?

Wie herrlich hat Gott das menschliche Leben, trotz der Strafen und Entbehrungen, die er über den Menschen verhängt, geschaffen. Noch einmal denke ich an unseren Hochzeitsmorgen, an dem wir feierlich gelobten, uns zu lieben . . . . bis uns scheidet der Tod.

Vorgestern war für mich ein „ehrenvoller Tag“. Vor versammelter Mannschaft heftete mir und dem Gefr. Auer (ein Gruppenführer aus meinem Zug) der Kompanieführer das EK II an die Brust. Das ist nun der 4. „Orden“, aber eigentlich der erste wertvolle.

Gestern bekam ich Deinen Brief vom 27. August. Also, Reibekuchen habt Ihr gegessen. Na, da wünsche ich Euch noch nachträglich guten Appetit. Du fragst nach dem Paket mit Kuchen. Ich habe das noch immer nicht bekommen.

Ist Dir das Kino gut bekommen? Ich meine, wenn Du nicht gerade in aufregende Stücke gehst, könnte es Dir doch nichts schaden. Im Gegenteil, muß doch eine solche Abwechslung auffrischend wirken.

Vorgestern habe ich nochmal so richtig gelacht. Ich feierte gerade mit meinem Zug unsere EK‘s. Wir kamen auf die Messinafahrt zu sprechen und da erzählte ein Fahrer, Gefr. Pirch, die Geschichte, wie er mit seinem Boot und 7 Grenadieren abgesoffen ist. Als der Sturm anhob, hatten sie noch 7 km zu fahren. Die Wellen wurden immer höher, das Boot schlug voll Wasser und mußte dauernd mit Stahlhelmen, Feldmützen ausgeschöpft werden. Es gibt nun Soldaten, die nicht schwimmen können, die machen lieber 20 Stoßtrupps mit, als eine solche Fahrt. Sie fingen nun an zu jammern „Wir kommen nicht rüber, wir kommen nicht rüber[“]. Der Fahrer, [an] dessen Tüchtigkeit und Nerven durch die Fahrt in höchstem Maße beansprucht wurde, konnte noch mit humoristischen Bemerkungen antworten, nur um die Leute zu beruhigen. Das Boot schlug aber dann doch von einem hohen Wellenberg in ein Loch, wurde von der nächsten Welle so stark gefaßt, daß es mitten durchbrach. Als Sicherheit war ein kleiner Floßsack, der sonst mit 2 – 3 Mann besetzt ist, vorhanden. Doch nun mußte er für 8 Mann reichen. Pirch rettete erst 4 Nichtschwimmer,

die „Mama“ geschrien haben, in den Floßsack. Der Letzte war ein Feldwebel, der schon halb am Ersaufen war und sein Koppel mit Pistole abmachte und ins Wasser gleiten ließ. Pirch schnappt sich zuerst . . . . die Pistole (jetzt sein „Eigentum“) und dann den Feldwebel. Nun stell‘ Dir vor: 2 – 3 m hohe Wellen, unter einem Arm die Pistole geklemmt, unter dem anderen den Feldwebel. Na, er erreicht tatsächlich den Floßsack, wo sich inzwischen 6 Soldaten eingenistet haben. Mit dem Feldwebel nun 7. Pirch schwimmt hinterher und drückt mit einer Hand den Floßsack immer in die richtige Stellung, mit der anderen hält er die Pistole. Der Floßsack hält nicht richtig Luft, die Infanteristen werden mit der Spezialpumpe nicht fertig. Pirch, im Wasser muß nun: schwimmen, steuern, Pistole festhalten und jetzt noch Luftpumpen. Dann kommen die Flieger und werfen Bomben. Pirch hält aber seine Pistole. In den hohen Wellen schlägt der Floßsack voll Wasser. Mit Feldmützen schöpfen die Grenadiere nach allen Seiten das Wasser aus. Oft kriegt Pirch so eine Feldmütze mitten ins Gesicht. 3 Paddeln sind im Floßsack (Schlauchboot). Die Grenadiere, des Paddelns – besonders bei einem solchen Seegang – ungewohnt, fuchteln sinnlos mit den Dingern umher. Ab und zu bekommt der im Wasser liegende und steuernde Pirch einen Schlag mit dem Paddel in den Nacken. Wieder bricht die See herein und schlägt das Boot voll.

Nun beginnen die Grenadiere, sich gegenseitig zu betrachten. Einer brüllt, „Mensch, der hat noch sein Koppel um, überflüssige Belastung“; und weg fliegt das Koppel in hohem Bogen über Bord. Dann ziehen sie sich die Schuhe aus, Hemden und Röcke aus, Feldmützen – alles geht über Bord, obwohl das ja nun keine allzu große Belastung wäre. Pirch hatte im Wasser seine Hose ausgezogen, um besser schwimmen zu können. Er hatte sie in den Floßsack hineingelegt. Aber schon wird sie von den Grenadieren über Bord geworfen. Darin sind seine Heiratspapiere, Soldbuch, Geld usw. Der Feldwebel sagt, komm, hier hast Du mein Fernglas geschenkt. Pirch greift danach, bekommt aber im gleichen Augenblick wieder einen unglücklichen Schlag mit einem Paddel und im selben Moment fällt das schöne Glas ins Wasser.

Nach 3 Stunden hartnäckigem Kampf mit den Wellen erreichen sie endlich das Festland. Der Feldwebel spricht ein Lob aus und sagt zu Pirch: „Junge, ein Glück, daß wenigstens Du die Ruhe behalten hast. Allein hätten wir das Land nicht mehr erreicht. Wir danken Dir. Und dann stehen sie da, nur noch mit Hose bekleidet und schütteln

ihm die Hand. Die Hose ist das Einzige, was sie noch haben – nein halt . . . ihr Leben haben sie ja auch noch. Nur Pirch hat . . . . . jetzt eine eigene Pistole.

Pirch! ein kräftiger Mensch, schwarze, krause Haare, 20 Jahre, in „Heiratsvorbereitung“. Einmal sind ihm die Heiratspapiere schon in Rußland bei einem Rückmarsch weggekommen und jetzt die zweiten Papiere auf See. Mit 18 Jahren meldete er sich freiwillig zu den Fallschirmjägern. Dort bekam er eine Sprungverletzung und und wurde dann zu einer Felddivision versetzt. Als MG-Schütze wurde er in Rußland verwundet und landete nach dem Lazarett in meinem Zug als Sturmbootfahrer. Er dient jetzt etwa 2 Jahre, hat sich aber auf 12 Jahre verpflichtet. Was so ein junger Mensch von 20 Jahren heute nicht schon alles hinter sich – und mitgemacht hat!

Nun, liebe, liebe Elsbeth! Ich denke nochmal an den 19. September 1937, erneuere mein Gelöbnis, gehe mit Dir im Geiste nochmal durch die Straßen von Cochem. Ich küsse Dich ganz, ganz innig auf Deinen lieben Mund, Deine Augen und Deine Stirn. Ich küsse Dich ganz andächtig auf Deine liebe, kleine Brust und verbinde mich ganz und gar mit Dir.

Ich bin immer
Dein getreuer Hannes.