Johannes Ließem an seine Frau Elsbeth, 23. Mai 1943

23. Mai 1943

Meine liebe Elsbeth!

Vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 19. Mai. Das Geburtstagspäckchen war noch vollständig. Auch das was drin war, war noch kein bischen verdorben. Noch nicht einmal die Butter war schlecht geworden.

Wir haben jetzt hier nur immer ein über den anderen Tag Ausgang. Heute, auf den Sonntag komme ich nicht aus dem Bau. Aber gestern Nachmittag habe ich dafür einen schönen Nachmittag verbracht. Ich war am Tegeler See, habe mich in den Sand gelegt, etwas geschwommen und gesprungen und gefaulenzt. Um 7 Uhr bin ich in einem Gartenrestaurant etwas essen gegangen und darnach am Heiligensee zu Fuß vorbeigegangen bis zum Ort Heiligensee. Der Strand ist einfach wunderbar. Der Strand am Tegelersee wunderbar sandig wie an der Ostsee. Dagegen der Heiligensee so richtig geschaffen, daran vorbeizuspazieren. Übermannshohes Schilf, unterbrochen von alten, malerischen Anlegestegen für die Segelboote der Anwohner. Die Häuser (Sommerhäuser von Berlinern, die Geld haben) liegen sehr schön im Kiefernwald, oder in Steingärten usw. Fischerboote lagen bei der Arbeit. Um 9,30 Uhr war ich wieder in Reinickendorf, habe mir dann noch 2 Portionen Kartoffelsalat und etwas zu trinken zugeführt. Ich kam mir richtig sonntäglich vor.

Wenn wir nächsten Sonntag noch hier sein sollten, will ich schon morgens weg, aber etwas weiter – vielleicht zum Müggelsee oder Wannsee. Für einen Nachmittag rentiert es sich glaub’ ich, kaum. Die Fahrt ist dafür zu lange.

Außerdem muß die Fahrt jetzt sowieso ein Kapitel für sich sein. Die S-Bahnen daheraus müssen im Sommer fürchterlich überfüllt sein. Aber jede Freude will schließlich mit „Opfern“ verbunden sein.

Daß Mutter nicht mehr ist, will mir immer noch nicht in den Kopf. Man hat, vielleicht weil man nicht zu Hause ist, garnicht das Gefühl, als ob sie tot sei. Alles, das Leben und der Dienst geht weiter, und so wird man mit dem Gedanken garnicht recht vertraut.

Eben habe ich nochmal meine Bilder durchgesehen, denn ich muß die Brieftasche unbedingt erleichtern. Viel habe ich ja nicht wegnehmen können, denn ich trenne mich sehr, sehr ungern von jedem einzelnen Stück. Die „Familienaufnahme“ schicke ich auch zurück, denn ich sehe

sie nicht gern. Ihr Beiden Hübschen kommt mir vor, wie irgendeine bäuerliche Dorfschönheit (wenigstens Dorotheechen). Und ich will Euch doch wenigstens so sehen, wie Ihr seid.

Hoffentlich warst Du des Samstags in Bonn bei Schafgans. Wann bekommt Ihr die Bilder?

Nun, liebe Elsbeth, sage ich Dir nochmal, wie sehr, sehr lieb ich Dich habe. Ich küsse Dich innig auf Deinen lieben, schönen Mund und halte dich fest lieb. Ich bin immer
Dein Hannes.