Anna Schmitz an ihren Sohn Rudolf, 10. Januar 1943

Köln-Dellbrück, 10. Januar 1943

Mein lieber Rudolf!

In Deinem lieben Brief vom 5.1., den ich gestern erhielt, bedankst Du Dich für einen Brief von mir, der scheinbar später geschrieben ist, als der vom 25.12.42. Oder hast Du den nicht erhalten. Mir scheint es so, als ob Du überhaupt meine Briefe nicht alle bekämest, wenigstens beantwortest Du mir manche Frage nicht, die ich Dir stelle. – Ich bin so froh + beruhigt, daß Du gesundheitlich wieder auf der Höhe bist. Also Deinen Bandwurm bist Du los? Auch sonst beschwerdefrei? Ja, das sind jetzt ja noch kleine Sorgen, gemessen an denen, wenn Du mal im Einsatz bist. So Viele kommen jetzt wieder nach Rußland! Ob dort zum Frühjahr die letzte Großoffensive von unserer Seite begonnen wird, damit dort einmal Schluß wird? Es wäre zu wünschen.

Es wird ja noch viele Opfer kosten! Auch in Afrika wird wohl bald der Gegenschlag kommen! Heute kam ja wieder eine großartige Sondermeldung, 13 Tanker versenkt, das ist ein Schlaf für die Amerikaner. Möge unser Herrgott uns weiter beistehen, daß wir starkmütig bleiben. Es ist so viel Leid + so viele Sorge in der Welt! – Seit gestern ist Oma mit den beiden Kleinen hier. Heute Abend habe ich zum letzten Mal die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet. Wenn wir im nächsten Jahr noch alle so zusammen sind, und unsere Habe noch unversehrt ist, können wir Gott danken! Es ist immer ein eignes Gefühl, wenn der Weihnachtsschmuck aus der Wohnung verschwindet. In diesem Jahr hast Du nun nichts davon gesehen. Joh. ist noch in Dresden. Elli’s Mann war heute in Sonntagsurlaub. Onkel Georg hat heute ein Bereitschaftschreiben bekommen, auch H. Pütz + viele Andere. Klein Fritzchen ist noch krank, liegt noch. Es ist sehr kalt hier, der Schnee

knirscht ordentlich. Trotzdem besucht uns der Tommy fleißig, am Tage + auch des Abends. Zur Schule können wir nicht mehr lange gehen, es gibt ein Krankenhaus für Russen + Polen. Heute habe ich zum ersten Male den blauen Pullover von Dir an, er ist schön warm. Ist mein Päckchen angekommen? Wenn Du noch Zulassungsmarken hast, schick sie bitte. Du möchtest H. Ermert welche verwahren von Deinen Paketen. Du kannst sie ja ausschneiden aus den Packpapier +mir im Brief schicken. Wie ist bei Euch die Witterung? Am Wasser wird es auch ordentlich kalt sein. Die Tage haben schon etwas gelängt, man merkt es schon. Es geht wieder bergauf. Bist Du des Abends immer allein in Deinem Zimmer, oder sitzt Du bei Deinen Quartierleuten? Sind sie nett? Wann magst Du wieder bei Mutter sitzen? Alle die schönen Jahre für Dich + mich gehen dahin. Man darf nicht darüber nachdenken. – Frau Perger ist auch nicht

restlos begeistert von ihrer Schwiegertochter. Sie ging gern raus, wäre mehr für Festlichkeiten u.s.w. als Karl-Heinz. Sehr fromm ist sie aber, jeden Morgen kommt sie mit Karl-H. aus der Kirche. Bis Februar bleibt sie hier. Sie ist sehr ärmlich angezogen. Ja, eine Waise wird nicht viel haben. Immer geht sie im Kopftüchelchen. Albert hat auch schon eine Bekanntschaft! Der Herr läuft auch seit einiger Zeit in Zivil herum, ist auch verheiratet, hat eine nette, hellblonde Frau! Willi ist jetzt Steward in der Offiziersmesse. Soll ich Dir auch nochmal etwas Geld schicken? So und nun weiß ich nichts mehr. Bleibe gesund + gutgelaunt und empfange herzlichen Gruß + Kuß
von
Deiner Dichl. Mutter.