Charlotte Endemann an ihren Mann Harald, 21. Februar 1941

den 21.2.41

Liebster Pappi!

Heute bekam ich Deinen langen Brief vom 18. der mit der Maschine geschrieben war. Na, und meine über Stock und Block geschriebenen Briefe dagegen! Und nun seid Ihr unterwegs nach Bergen oder seid wohl schon da, und es hat großes Wiedersehen gegeben. Und ich kann mich etwas beruhigen, denn in den nächsten vier Tagen wirst Du auch nicht hier stehen.

Helga gibt mir eben ihren sehr inhaltsreichen Brief für Dich. Heidi möchte auch gern einen Brief von Dir haben, denn Klaus hat ja auch einen eigenen bekommen und führt das bei jeder Gelegenheit an. Schreibe ihr einen. Sie wird glücklich sein.

Und Du? Du liest ja jetzt mehr als in den ganzen Jahren vorher. Aber ich freue mich doch sehr auf unser gemeinsames Vorlesen. Und wann wird das sein? Und was müssen wir bis dahin alles überstehen?

Drei Pakete kamen heute von Dir an. Die Butter war noch recht schön und ich habe mich sehr über das Türkenbrot gefreut. Da ich auch ein neues Bibliotheksbuch habe, wird das heute im Bett fein.

Von Frau Salvini bekam ich heute einen Brief. Ich solle ihr schnell schreiben,, was sie für ihr immer nehmen könne (möbliert) Frau Mommer hat deswegen angefragt. Ihre Tochter will es für einige Monate mieten. Was kann ich da nehmen? Mit oder ohne Gas und Heizung? Kannst Du da ganz schnell antworten?

Herr Pfarrer Grashoff schreib heute ebenfalls. Er muss also 67,90, die Hälfte des Prozesses zahlen und bat mich,, das Geld so schnell wie möglich anzuweisen. Er sei recht froh, dass die Sache so ausgegangen sei, denn es hätte ihn bedrückt, wenn er gewonnen hätte, er hiellte es mit dem alten christlichen Spruche: Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun und ich solle Herrn Kleinlosen doch jetzt recht herzlich von ihm grüssen, damti er merke, dass kein Schatten zwischen ihnen sei.. Diese christlichkeit rührt mich geradezu, denn die ist wirklich, nicht wie die von Fräulein Wolff. Aber woher nehme ich all das Geld? Woher nehme ich blos den Rest Steuern? Das können wir doch nicht vorlegen? Und in den nächsten tagen wird das Geld wohl bei mir geholt werden, denn Mahnzettel, gibt’s nicht mehr und das Pfändungsmännchen kommt sofort. Das habe ich heute bei der Gewerbesteuer gemerkt. Ich bin dann sofort aufs Amt gelaufen und die hatten dann auch ein Einsehen und baten mich, ich solle den Antrag schriftlich machen, die Verwaltung würde dann wohll ein Einsehen haben und die Steuer stunden. Am ende des jahres könne man dann ja weitersehen.

Jetzt mache ich mich gleich fertig zum Kränzchen. Es lebt wieder auf, nachdem Krankheiten überstanden sind und Frau Stein ein Mädchen hat.

An Carp schreibe ich heute auch noch, damit die Antwort da ist, wenn Du kommst.

Wilhelm Düren sah ich orhin. Er ist bis jetzt noch hier und ist irgendwie durchgeflutscht, weil er durch das letzte Durcheinander jetzt scheinbar übersehen wird, sehr zum Kummer von Ilse Düren, die ihm von Herzen den Soldatenstand gönnt..

Harald, ich kriege manchmal Angst, in welchem Tempo die Zeit jagt. Und was hat man zum Schluss geschaffen? Jetzt kriege ich Angst um die Zeit, trotzdem ich eigentlich nicht über verlorene Zeit klagen kann. Aber so ein Tag rast dahin, und wenn man das Ergebnis besieht, dann ist es: Putzen, Kochen, Kinder versorgen, Wäsche flicken, Besorgungen machen mit all den Zwischenfällen eines großen Haushalts. Aber es ist nichts, was einen weiterbringt, nichts, auf das ich besonders stolz sein kann, wie vielleicht jemand, der bleibenden Wert schafft.

In der Beziehung seid Ihr Männer besser dran, denn Ihr könnt doch ein Lebenswerk aufbauen, auf das Ihr am Schluss zurückblicken könnt und dessen Aufbau ihr dann im Rückblick vor Euch seht.

Darum freue ich mich auch wieder auf das Arbeiten mit Dir. Man hat wirklich das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Und das hat man im Haushalt, wenn man sich auch noch so abrackert, eben nicht, weil genau dieselbe Arbeit am nächsten Morgen wieder anfängt und am übernächsten wieder und dann wieder. Man sieht aber keinen Aufbau, man sieht nur immer wieder neuen Dreck und neue Löcher.

Der Nachmittag war wieder sehr nett. Nun ist es halb acht und ich sorge dass der Brief in den Kasten kommt. Der Briefträger leert nämlich die letzte Zeit durchschnittlich 20 Minuten zu früh.

Ob Du heute in acht Tagen schon hier bist? Oder ob ich dann noch immer warte?
Deine Lotti