Charlotte Endemann an ihren Mann Harald, 29. Oktober 1944

den 29.10.44

Mein liebster Mann!

Es scheint, dass Du doch allerlei Briefe nicht bekommen hast. Vielleicht erscheinen sie noch, einen aber habe ich vor ein paar Tagen zurückbekommen, es war ein sehr langer mit vier schreibmaschinegeschriebenen Seiten, der noch nach Finsterwalde gegangen war. Jetzt liegt er hier in der Schublade, denn schließlich ist er ja überholt. Dann allerdings war eine Pause von acht Tagen eingetreten, kurz nach den Terrorangriffen auf Bonn, denn es ging da überhaupt keine Post mehr weg. Vorgestern hatte ich auch geschrieben, aber nun liegt er hier. Weißt Du, er war zu sehr unter dem Eindruck des Augenblicks geschrieben, und wenn man dann gerade einen recht energischen Alarm hinter sich hat oder so traurige Dinge aus Bonn und Köln hört, wird solch ein Brief naturgemäss kein reiner Genuss für Dich. Aber es ist wirklich schwer. Abgesehen von der völligen Unsicherheit, in der wir leben, ist auch das Haushaltführen immer schwerer. Stell Dir vor, dass ich seit Wochen keine Schuhe mehr gesohlt kriege. Mal Dir aus, was das bei fünf Kindern heißt. Die Lebensmittelversorgung klappt noch bis auf Stockungen, die sich hier und da bemerkbar machen, mal Salz, mal Käse, mal Butter usw.

Täglich muss Godesberg 7.000 Butterbrote für Köln schmieren, und das schon seit vierzehn Tagen, denn Köln hat weder Gas noch Licht noch Wasser. Ich habe auch schon mit geschmiert. In Helgas Oberschule wird Tag und Nacht geschmiert, man kann hingehen auf eine halbe Stunde oder mehrere Stunden, wie man Zeit hat.

In allen Läden hängen Aufforderungen an die Frauen. Das ist in dem Gebäude nach der Rheinallee hin. Das ganze übrige Gebäude ist von den Bonner Kliniken belegt. Das Päda wird jetzt wohl auch Lazarett. Noch ist der Platz täglich gefüllt mit Flüchtlingen, die mit ihrer Habe dort auf den Abtransport warten. Auch dieses traurige Bild täglich vor Augen zu haben, stellt uns immer wieder vor die Frage, wann wir wohl so dastehen.

Bonn sieht traurig aus. Die Innenstadt ist völlig weg. Die Uni total ausgebrannt. Das Rathaus ebenfalls. Bei dem Terrorangriff hat auch unser gutes Ließem tüchtig was abbekommen. Viele Bauern haben alles verloren, Vieh, Geräte und Stallungen und Häuser. Hüllens haben nur zwei Brandbomben gehabt, die aber schnell gelöscht werden konnten.

Du fragtest in dem gestrigen Brief nach Heidis Geburtstag. Sie hatte sich den ja gerade richtig ausgesucht, und am Tag vorher, als ja auch schon ein Terrorangriff auf Bonn war, bei dem wir in Godesberg auch was ausgewischt bekamen und bei dem das Gas mal wieder für acht Tage ausblieb, erklärte ich, dass es keine Geburtstagseinladung geben könne, denn erstens konnte ich keinen Kuchen backen und zweitens waren wir Großen reichlich erledigt. Worauf unsere Heidi über dem Essteller in Tränen ausbrach. Das nahm sie schlimmer mit als der An-

griff morgens.

Am nächsten Tag, dem Geburtstag, gab es dann doch einen schönen Tisch mit dem schönen Kleid von Galleps Gnaden, Plätzchen, einem Armband und einer Kette und was ich sonst noch an Kleinigkeiten fand. Das Haupt- und Glanzstück bildete aber, und das hatte ich mir vorher schon gedacht, denn ich brauchte bloß an meine Kinderzeit zu denken, ein Pappkarton, den ich mit Puppenlappen in allen Farben, Samt, Seide und Borten gefüllt hatte. Der schlug ein. Helga hätte am liebsten ihren ganzen teuren Geburtstagstisch dafür eingetauscht, und ihre Freundinnen meinten, so ein schönes Geschenk möchten sie auch mal haben. Denn zwei Freundinnen wurden eingeladen, weil Lisbeth entdeckt hatte, dass das Gas wieder funktionierte. Ich rührte nun schnell die Kuchen an, hatte auch glücklich einen im Ofen, da kam der Alarm und damit der zweite Terrorangriff, und das Gas blieb nun für acht Tage weg. Nachdem wir dann im Keller auf dem Erdboden auf unser letztes Stündchen gewartet hatten, zog ich los und buk den zweiten Kuchen in der Nachbarschaft, wo es Kohlenherde gab. Damit war dann der Geburtstag gerettet und wurde nach Heidis Meinung noch sehr schön. Bloß für uns Große war das Schwanken zwischen Terrorangriff und Geburtstagsfreude etwas viel. Dazu stand den ganzen Tag bis in die späte Nacht eine dichte Rauchdecke über Bonn.

Verflixt, eben kommt wieder Vollalarm. Ich muss die Kinder holen. Seit den Terrorangriffen hat uns die Ruhe verlassen. Wir haben mittlerweile das zweite Mal Vollalarm, aber ich glaube, dass es nicht schlimm werden wird. Es scheinen doch nur Überfliegungen zu sein.

Um auf die Puppenlappen zurückzukommen: Es gibt das Sprichwort: Kindes Hand ist leicht gefüllt. Ich frage vor kurzem Klaus, der irgendwo ein altes Uhrwerk aufgetrieben hatte, was er wohl schöner fände als Geschenk, ein Soldatenauto oder so ein Uhrwerk. Er entschied sich natürlich für das Uhrwerk. Danach siehst Du, dass Du vielleicht noch Weihnachtsgeschenke für Deine Buben auftreiben kannst. Blos, Du müsstest sie selber bringen, denn Pakete werden für den Westen glaube ich nicht mehr angenommenb.

Ich habe Gärtner Tung den Auftrag gegeben, Mutters Grab zu Allerheiligen herzurichten. Er will es auch in nächsten Sommer so bepflanzen, dass es immer hübsch ist. Ich bin ja glücklich, dass die Mu diesen Gärtner, den wir früher in der Wilhelmstraße hatten, wieder aufgetrieben hat.

Wobei ich Dir was beichten muss: Dieser Gärtner wohnt in der Bonner Straße im Haus einer Modistin, und dieser Modistin habe ich Deinen blauen Filzhut gebracht, aus dem sie mir einen modernen Hut in Verbindung mit Klausen blauem Filzhütchen mit dem breiten Band macht. Du kennst ja meinen ollen braunen Hut, von dem Du schon vor drei Jahren meintest, dass ich ihn nicht mehr tragen könne. Da die Hüte jetzt groß getragen werden (trotz des sechsten Kriegsjahres hat sich auch darin die Mode geändert), konnte ich es auch nicht mehr formen lassen. Und Vaters alter Filzhut war zu dick zum Umpressen und außerdem in der Farbe unmöglich. Ich sehe jetzt auch, dass Du nicht böse bist, sondern ein bisschen lachst und Dich freust, dass ich trotz allem noch so viel Lebensmut habe, mir einen neuen Hut machen zu lassen.

Und weil ich schon am Schreiben bin und durch das Erzählen mit Dir in richtig fröhliche Stimmung gekommen bin, wird der zweite Bogen angefangen, wenn auch vielleicht nur Unsinn drin stehen wird.

Helga und Heidi haben es heute mit dem Aufräumen und haben ihr Zimmer und besonders die Schränke vorgenommen. Um ihnen eine Freude zu machen, hatte ich ihnen Tulita für gestern und heute Nacht eingeladen. Ursel ist solange zu mir gezogen, und Tulita schläft in Heidis Bett. Sie waren begeistert. Sie durften dann auch im Bett noch bis zum Einschlafen erzählen, aber als dann um 11 Uhr die Wogen zu hoch gingen, klopfte ich von meinem Bett aus auf den Fußboden.

Nächsten Sonntag will ich mit ihnen Kochen spielen, und zwar denke ich mir ein kleines Souper aus, das sie unter meiner Anleitung selbständig kochen dürfen und wozu sie Tulita dann einladen dürfen. Das wird bestimmt auch einen Sturm der Begeisterung geben. Außerdem werde ich ihnen Papierpuppen und Papierpuppenzimmer malen.

Eben kam Frau Siefken und stiftete mir einen neuen Besen und einen neuen Handfeger. Der Engel. Sie erzählte, dass das ganze Päda mit sämtlichen Häusern von den Kölner Krankenanstalten belegt wird. Kühnes haben große Sorgen, denn an ein Weggehen dieser Anstalten ist noch lange nach dem Krieg nicht zu denken. Den Lehrern wird gekündigt werden. Siefken wird höchstwahrscheinlich von den Anstalten übernommen werden. Also gehört auch das der Vergangenheit an. Was Kühnes nun anfangen werden, wissen sie auch nicht. Die Pädafamilien, die erst nach 'Rektorat' und 'Konstantia' gezogen waren, werden zusammen ins 'Haus Arndt' gestopft. Das mag auch keine reine Freude sein.

Eine praktische Frage: Hältst Du eine solche Nachbarschaft mit großen roten Kreuzen auf dem Dach für schützend? Manche Leute meinen, diese roten Kreuze bewürfen sie extra, aber wenn das der Fall sein sollte, hütete man sich ja wohl, sie anzubringen. Dass die Godeshöhe zwei Volltreffer bekommen hat, soll angeblich Notwurf gewesen sein. Oder meinst Du, auf Krankenhäuser wird absichtlich gezielt? Was sind Eure Erfahrungen? Bei Terrorangriffen muss ja wohl alles mit dran glauben. Und die Bonner Kliniken lagen ja zur Hauptsache in der Altstadt. Also äussere Dich. Aber immerhin kann man so kalkulieren: Rotes Kreuz, keine Durchgangs- oder Ausfallstraße, keine Bahn und keine Brücke in der Nähe, keine Fabrik und keine zusammengezogenen Truppen oder irgendwelche militärischen Ziele.

Wenn ich jetzt in den nächsten Tagen mal wieder nicht schreibe, so musst Du diesen langen Brief dafür nehmen.

Es ist doch traurig, denn daran, ihren Wirkungskreis hier verlassen zu müssen, hatte wohl kein Pädalehrer, besonders nicht von den Älteren gedacht. Die Hausdamen werden sich auch nach einem anderen Wirkungskreis umsehen müssen.

Abends

Ach, weißt Du, dieser Luftterror ist doch schrecklich. Wenn wir hier auch immer nur mit dem Schrecken davonkommen, so muss sich doch dieser tägliche Schrecken auf die Dauer auswirken.

Ich bin wieder ganz erledigt, so zwei fürchterliche Knalle hat es gegeben. Dreimal habe ich die Kinder aus den Betten geholt, und jetzt ist es erst halb neun. Und nach dem Knallen und nachdem der 'Christbaum' erloschen war, der wohl wieder auf Wesseling zielte, gab es wieder den akuten Alarm. Ich bin nach solchen Schrecken bin ich jedes Mal körperlich so erledigt, dass ich nur ins Bett will. Ich kann dann nicht mehr. Ich nehme an, da ließ ein Flugzeug seine Bomben zu früh los. Und alle bewundern meine Gelassenheit!

Gute Nacht, mein lieber, lieber Mann. Hätten diese Schrecken doch bloß ein Ende. Die rheinische Bevölkerung trägt ein Übermaß von Leid.

Deine Lotti